Warum sollte man heutzutage noch Dürrenmatt lesen? Ein Buch mit drei Physikern in einer Nervenklinik, das klingt doch altmodisch und staubig. Definitiv nicht nach einer Lektüre, die man sich freiwillig neben die Kaffeetasse legt. Und doch ist Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ eines der Stücke, bei denen man zuerst verwirrt ist, danach über die bizarre Handlung lacht und bei längerem Nachdenken auf erschreckend aktuelle Themen stösst.
Auf den ersten Blick wirkt alles harmlos. Eine vornehme Heilanstalt namens „Les Cerisiers“, ein paar sonderbare Patienten und eine resolute Anstaltsleiterin, Fräulein Dr. von Zahnd. Die Hauptcharaktere sind drei Männer, die sich für Einstein, Newton und einen gewissen Johann Wilhelm Möbius halten. Doch bald zeigt sich; hier ist nichts, wie es scheint. Als der überforderte Inspektor den Mord an einer Krankenschwester untersucht, entfaltet sich ein absurdes Spiel aus Täuschungen, Macht und Wahnsinn.
Je weiter man liest, desto klarer wird, dass die angeblich Irren keine Verrückten sind, sondern hochbegabte Physiker oder Spione, die sich in den Wahnsinn flüchten, um ihre gefährliche Entdeckung, die „Weltformel“ zu verbergen. Das Drama spielt in der Nachkriegszeit, geprägt vom atomaren Wettrüsten der Supermächte. Dürrenmatt stellt die damals brennende Frage: Wie viel Wissen darf die Menschheit überhaupt besitzen, ohne sich selbst zu zerstören? Der Autor mahnt eindringlich: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Dieses Zitat klingt heute fast unheimlich aktuell, denn Wissen lässt sich ebenso wenig kontrollieren wie Macht.
Dürrenmatt kritisiert in seinem eindrücklichen Werk die moderne Wissenschaft. Er warnt vor den Risiken des verantwortungslosen Umgangs mit Forschungsergebnissen, welche für die Entwicklung von Atomwaffen genutzt werden könnten. Das Werk zeigt uns auch, wie gefährlich nur schon das Wissen eines einzelnen Menschen sein kann, selbst wenn dieser nur das Beste für die Menschheit will. Möbius verzichtet absichtlich auf Ruhm, Freiheit und Familie. Er gibt sich bewusst als einen Irren aus und erzählt vom König Salomo, sodass seine Familie ihn mit gutem Gewissen alleine in der Heil- / Irrenanstalt verlassen kann. Doch trotzdem muss er erfahren, dass nur schon eine einzige machtgierige, verrückte Person genügt, um ein ganzes System zu kontrollieren.
Ich musste tatsächlich an einigen Stellen lachen, nicht aus dem Grund, weil das Thema leicht und unterhaltsam wäre, sondern weil Dürrenmatt die Tragik meisterhaft mit Ironie überdeckt. Diese groteske Komik hilft dabei, das Schwere auszuhalten. Wenn die drei Physiker ihre Identitäten als Genies und Verrückte verhandeln, wirkt das absurd und gleichzeitig erschreckend real. Die Frage wer wirklich wahnsinnig ist und wer vernünftig, bleibt bis zum Schluss offen.
Gerade heute bleibt das Stück deshalb erstaunlich aktuell. Die Verantwortung der Wissenschaft stellt sich wieder, diesmal im Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz. Auch hier entstehen mächtige Systeme, deren Folgen kaum abzusehen sind. Arbeitsplatzverluste, Manipulation durch Fake News, Machtkonzentration bei wenigen Akteuren, … Dürrenmatts Warnung bleibt gültig; Wissen ist gefährlich, wenn es nicht von Ethik begleitet wird.
„Die Physiker“ ist also alles andere als ein verstaubtes Buch. Es regt zum Denken an, lässt uns lachen, erschrecken und zweifeln zugleich. Und genau das macht das Buch so aktuell und zeitlos.

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