26.03.2026

Was würde eine Gesellschaft tun, wenn plötzlich eine Milliarde auf dem Tisch liegt? Vielleicht Dinge, die man sich kaum vorstellen möchte. In Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ zeigt sich genau das: wie schnell moralische Überzeugungen ins Wanken geraten können.
Dürrenmatts Werke sind immer noch brandaktuell und haben kaum an Bedeutung verloren. Mit seinen Übertreibungen will er die Leser zum Nachdenken anregen und schafft dies auch mit der Frage, wie weit die moralischen Überzeugungen der Gesellschaft wirklich gehen, wenn plötzlich sehr viel Geld im Spiel ist. Im Buch wirkt es zuerst so, wie als stünde die Bevölkerung von Güllen hinter Ill, bis sie sich von dem vielen Geld hinreissen lassen.
Diese Frage wirkt heute besonders aktuell, wenn man den wachsenden Einfluss von extrem reichen Menschen betrachtet. Einzelne Milliardäre besitzen heute Vermögen, das grösser ist als die Wirtschaftsleistung ganzer Staaten. Personen wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Bernard Arnault prägen mit ihren Entscheidungen ganze Industrien und beeinflussen teilweise sogar politische Debatten. Wenn ein einzelner Unternehmer Milliarden investiert oder eine Plattform kontrolliert, kann dies Auswirkungen auf Millionen Menschen haben.
Es ist klar, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass eine steinreiche Milliardärin tatsächlich eine Milliarde anbietet, damit Menschen ihren Ex-Freund umbringen. Sie würde auch direkt verhaftet werden – anders als in Dürrenmatts Werk beschrieben wird, denn dort lässt sich der Polizist bestechen. Doch Dürrenmatt spricht hier wichtige moralische Pflichten der Gesellschaft an.
Schon bald zeigen sich erste Veränderungen. Obwohl offiziell niemand zustimmt, beginnen die Bewohner plötzlich, teure Dinge zu kaufen – Luxusgüter. Plötzlich werden die edlen Zigarren gekauft und nicht mehr nur die billigen. Sie verschulden sich, als ob sie bereits sicher wären, dass sie das Geld bald erhalten werden. Allein dieses Verhalten zeigt, dass die Entscheidung innerlich bereits gefallen ist, auch wenn sie noch nicht ausgesprochen wird. Ill wird daraufhin wütend und realisiert, dass sich viele der Bewohner bereits entschieden haben. Die Bewohner von Güllen kaufen alles auf Pump. Ill wirkt ein wenig hilflos.
Auf mich wirkt es ein wenig, wie als wenn die Bewohner die Entscheidung schon lange gefällt haben und einfach nur Stück für Stück mit dem abgefunden haben. Die Menschen rechtfertigen ihr Verhalten zunehmend und schieben die Verantwortung von sich weg.
Im dritten Akt kommt es schliesslich zur endgültigen Entscheidung. Die Bürger stimmen gemeinsam über die Annahme der Stiftung ab – und damit indirekt auch über Ills Tod. Am Ende wird Ill von der Gemeinschaft getötet, auch wenn niemand offen die Verantwortung übernimmt. Das ist auch heute in unserer Gesellschaft noch so. Hauptsache man ist nicht selbst Schuld! Die Verantwortung liegt nie bei sich selbst sondern immer bei den anderen.
Gerade diese Entwicklung macht Dürrenmatts Werk so eindrücklich und gleichzeitig so aktuell. Es zeigt, dass moralischer Verfall nicht plötzlich geschieht, sondern langsam und fast unbemerkt. Jeder kleine Schritt scheint harmlos, doch am Ende führen sie gemeinsam zu einer Entscheidung, die anfangs noch unvorstellbar war.

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