Homo Faber

Max Frisch 1957

DER MENSCH ALS MASCHINE?

Der Roman Homo Faber von Max Frisch wirkt erstaunlich modern – vielleicht gerade deshalb, weil er von einem Menschen erzählt, der glaubt, alles im Griff zu haben. Bücher sind manchmal wie Spiegel. Und manchmal wie Warnschilder. In einer Welt, in der wir alles planen, optimieren und berechnen wollen, vom Stundenplan bis zur Karriere, stellt sich leise eine unbequeme Frage: Was passiert mit dem Leben, wenn es nur noch als Projekt gesehen wird?

Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich vieles effizient lösen möchte. Entscheidungen schnell treffen, Emotionen möglichst rational einordnen. Genau hier beginnt die Nähe zu Walter Faber, dem Protagonisten dieses Romans. Ein Ingenieur, der an Technik glaubt und daran, dass die Welt berechenbar ist.

Faber reist viel, denkt in Wahrscheinlichkeiten und hält Gefühle für Störfaktoren. Zufall? Gibt es für ihn nicht wirklich. Alles ist erklärbar. Kontrollierbar. Logisch. Doch genau dieses Weltbild beginnt zu bröckeln. Was Homo Faber so eindrücklich macht, ist nicht eine spektakuläre Handlung, sondern die langsame Erkenntnis: Das Leben entzieht sich der Kontrolle. Beziehungen lassen sich nicht berechnen. Schuld nicht einfach rationalisieren. Und Vergangenheit nicht wegoptimieren. Besonders eindrücklich ist dabei Fabers Sprache. Kühl, sachlich, fast protokollartig. Als würde er sich selbst davon überzeugen wollen, dass alles unter Kontrolle ist – während genau das Gegenteil passiert. Beim Lesen entsteht ein seltsames Spannungsgefühl: Man weiss, dass etwas nicht stimmt, lange bevor Faber es selbst merkt. Vielleicht, weil wir als Leser emotional weiter sind als er. Vielleicht auch, weil wir uns in seiner Haltung wiedererkennen. Ich habe das Buch nicht am Stück gelesen. Es ist kein Roman, der einen mitreisst wie ein Thriller. Vielmehr zwingt er einen zum Innehalten. Zum Nachdenken. Man liest ein paar Seiten – und legt ihn wieder weg. Und genau darin liegt seine Stärke. Denn Homo Faber ist keine Geschichte, die man einfach konsumiert. Es ist eine Geschichte, die einen verfolgt. Die Fragen stellt, die man lieber vermeiden würde: Wie viel Kontrolle haben wir wirklich? Und was passiert, wenn wir das Menschliche dem Rationalen opfern?

Am Ende bleibt kein klares Fazit. Keine einfache Moral. Nur ein Gefühl von Tragik und die leise Erkenntnis, dass das Leben mehr ist als Technik, Planung und Logik. Oder vielleicht gerade das Gegenteil von all dem.

Feuilleton von Nicolas Hofstetter 24.03.2025

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