Unterwegs im Krimitram: Ein Event des Buchfestival „Zürich liest“
Autos hupen, der Abendverkehr Zürichs ist in vollem Gange, während die Nacht den Tag langsam überrollt. Die Strassenlichter reflektieren in den vielen Pfützen auf dem Asphalt, die vom Regen der früheren Stunden stammen. An der Spezialhaltestelle des Bellevues steht ein scheinbar normales Tram. Die leuchtende Aufschrift „Zürich liest“ verrät allerdings den Anlass dieser vergangenen Fahrt an der ich teilgenommen habe.

Foto: privat
Eine knappe Stunde zuvor an diesem Sonntag, vor der Abfahrt des sogenannten Krimitrams, füllt sich dieses mit einigen Literaturinteressierten. Die Menschen in ihren Regenmänteln verteilen sich auf den Fahrplätzen und ein vorfreudiges Murmeln geht umher. Pünktlich um 16.30 Uhr heisst eine Vertretende der Eventorganisation von „Zürich liest“ die Besucher*innen willkommen und übergibt das Wort dem 45-jährigen Autor. Die Fahrt geht los…
„Es war ein Oktobernachmittag, der sich nicht recht entscheiden konnte, unfreundlich zu sein“, beginnt Stefan Györke mit einer erzählerischen Stimme seine Lesung.
Der Autor des Krimis „Tizianas Rosen“ kreiert eine spannende und gleichzeitig humorvolle Stimmung, indem er erzählerisch den derzeitigen Moment der Lesung beschreibt und die Müdigkeit seiner Zuhörer humorvoll kommentiert. Die Behauptung, die Hälfte der Besucher sei seine Familie, bringt alle zum Lachen und kreiert Sympathie für den vermeintlich unbekannten Autor. Seine anfängliche Beschreibung der Besucher*innen entwickelt er weiter zu einem fiktiven Mord im Tram. Zu dem Zeitpunkt hat er alle Zuhörer*innen um seinen Finger gewickelt.
Nach dieser kreativen Einleitung geht Györke über zum Vorlesen eines Ausschnitts aus dem ersten Kapitel. Er thematisiert danach das Thema und den Verlauf der Geschichte, verrät jedoch unter keinem Umstand den spannenden Plot. Der Krimi handelt von Tiziana, die zu Beginn der Geschichte ein Geständnis ablegt, ihren Chef Ulrich Vanderhof, mit dem sie eine Affäre pflegte, ermordet zu haben. Der Mord erscheint zunächst wie ein Ritualmord aus dem Mafiamilieu, denn dem Opfer wurde ein Rosenstrauss in den Hals gesteckt. Doch niemand glaubt Tiziana…
Die Hauptperson der Tiziana Mara charakterisiert er durch einen weiteren Textausschnitt. Sie kämpft mit der manipulativen Beziehung mit ihrem Boss. Das Buch erläutere die Perspektiven der Tiziana und ihrer Stellung in dieser toxischen Beziehung. Um den Zuhörer*innen dieser Lesung einen tieferen Einblick in seine Geschichte zu geben, liest er weitere Ausschnitte aus seinem Buch vor. Diese beinhalten unter anderem die Bewerbung Tizianas bei der Anwaltskanzlei, sowie ihre ersten Arbeitstage. Dabei wendet sich der Krimiautor vor allem an die Besucher*innen, welche sein Buch noch nicht gelesen haben.
Das Tram tuckert gelassen durch die von nassem Laub bedeckten Strassen. Der Himmel verfärbt sich zu rosa und die letzten Sonnenstrahlen legen einen goldenen Schimmer über die Strassen.
Als Györke seine Lesung beendet und eine Fragerunde eröffnet, erfahren wir, dass der gelernte Notarzt die Idee des Mordes durch einen Rosenstrauss aus einem Zeitungsbeispiel entnahm. Laut ihm finden die Einfälle den Autoren und nicht umgekehrt, antwortet er auf eine weitere Frage.
Nach der Verabschiedung der Vertretenden der Eventorganisation spazieren die Besucher*innen unter angeregten Gesprächen gemütlich aus dem Tram. Das Gelächter begleitet die Menschen und der Autor mischt sich mit wehendem Schal unter das Gewusel der Zürcher Bewohner*innen.


Kommentar verfassen