Es war ein kalter Novemberabend, als ich mich ins Literaturhaus Zürich begab und mich im runden Raum mit Notizblock und Stift in der Hand in die zweite Reihe setzte. An diesem Abend stand eine Lesung von Yirgalem Fisseha Mebrahtu auf dem Programm. Der helle Raum füllte sich langsam mit Menschen. Das Publikum bestand vor allem aus älteren Personen und, wie sich später herausstellte, Menschen, die einen persönlichen Bezug zum heute besprochenen Thema hatten.
Das PEN-Zentrum
Die Lesum wurde anlässlich des heutig stattfindenden „Writers in Prison Day“ vom PEN-Zentrum unterstützt, dem Zentrum für Poets, Essayists und Novelists. Es ist eine der ältesten NGOs und setzt sich für die Redefreiheit ein. Dazu unterstützen sie Autor*Innen, die vor der Einschränkung dieser Rechte fliehen mussten und sich im Exil befinden. Zu diesen Schriftsteller*Innen zählt auch die heute anwesende Autorin Yirgalem Fisseha Mebrathu.

Yirgalem Fisseha Mebrathu
Zum Beginn der Lesung wurde uns die Autorin und Journalistin vorgestellt. Yirgalem Fisseha Mebrathu wurde in Eritrea geboren. Schon in ihrer Jugend entdeckte sie ihre Leidenschaft zum Schreiben und war Teil eines Literaturclubs voller ehrgeizigen Jugendlichen. Später arbeitete sie beim Radio und schrieb weiter an ihren Gedichten, bis sie im Jahr 2009 verhaftet und für 6 Jahre im Gefängnis festgehalten wurde. Nach ihrer Freilassung floh sie nach Deutschland, wo sie Unterstützung vom PEN-Zentrum bekam. Mit dieser konnte sie eine Sammlung von Gedichten unter dem Namen „Ich bin am Leben“ und als zweites Buch, den Briefwechsel „Freiheit im Briefe“ publizieren.
Ich bin am Leben
Fast auswendig beginnt Yirgalem Fissehe Mebrathu ihre Gedichte in ihrer Muttersprache vorzulesen. Sie schaut dabei immer wieder ins Publikum. Obwohl ich nichts verstehe, überliefert die Autorin mit ihrer Stimme und Tonlage die Emotionen der Textstellen. Sie flüstert, spricht voller Zuneigung und erhebt ihre Stimme. Die Gedichte werden danach ins Deutsche übersetzt vorgelesen. In ihnen geht es um Freundschaf und Verrat, um das Leben eines Mädchens in Gefangenschaft und in einem weiteren um ihre eigenen Erfahrungen im Gefängnis in Eritrea.
Freiheit in Briefen
Im Rahmen von PEN-Germany veröffentlichte die Autorin mit einer deutschen Frau einen Briefwechsel in Form eines Buches. Darin beschreibt sie viele verschiedene Aspekte des Lebens in Eritrea. Wir bekommen davon 2 Fragmente auf ihre Muttersprache und danach auf Deutsch übersetzt vorgelesen. In den Briefen erzählt Yirgalem Fisseha Mebrathu von den gesellschaftlichen und familiäre Strukturen Eritreas und im zweiten nochmals von ihrer Haft. Besonders hat mich die Erzählung von Verrat und dem allgegenwärtigen Misstrauen, auch im eigenen nächsten Umfeld, berührt. Yirgalem äussert am Ende ihres Briefes ihren grössten Wunsch an die Gesellschaft und die Regierung Eritreas: dass niemand ohne Rechtsverfahren verurteilt werden darf, damit niemand mehr das erleben muss, was sie erfahren hat.
Ich gehe fort
Abschliessend trägt Yirgalem Fisseha Mebrathu das Gedicht „Ich gehe fort“ vor. Sie fasst darin ihre Emotionen und Gefühle, die sie verspürte, während sie ihr Heimatland verlassen musste, zusammen. Die Autorin drückt in der Passage ihre gegensätzlichen Gefühle zu ihrer Heimat aus. Sie schaut hoffnungsvoll in ihr neues Leben. Jedoch ist ihre Flucht nicht freiwillig, denn sie lässt nicht nur die Gefahren, die sich ihr als Autorin stellten, zurück, sondern auch ihre Familie, Freunde und der Ort, an dem sie aufgewachsen ist.
Die Lesung hat mit sehr gut gefallen. Während der Veranstaltung konnte ich das starke Gemeinschaftsgefühl der Menschen mit eritreischen Wurzeln und Yirgalem Fisseha Mebrathu spüren. Mir wurde mit den Gedichten und den immer wieder unterbrechenden Fragen an die Autorin einen Einblick in ein Land und dessen Gesellschaft gewährt, die ich noch überhaupt nicht kannte. Die Lesung war für mich ein idealer Anlass etwas für mich ganz neues zu erfahren, was ich allen empfehlen kann. Zusammenfassend war der Anlass sehr spannend und lehrreich und ich werde sicherlich wieder einmal eine Lesung besuchen.

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