Menschen wie Dirk

Zum Abschluss unserer Maturzeit haben wir Autor:innen uns entschieden, gemeinsam einen Text zu lesen. Die Wahl fiel auf Julia Kohlis Kurzgeschichtenband „Menschen wie Dirk“.
Auf den Buchtitel sind wir ganz zu Beginn unseres Kurses auf Empfehlung von Katharina Alder in der Buchhandlung http://www.klappentext.li gestossen.

Julia Kohli

Menschen wie Dirk. Short Stories

Lenos Verlag, 2021

Die Short Storys haben unterhalten, fasziniert, polarisiert. Die Protagonist:innen der Kurzgeschichten haben uns überrascht, mancherorts gequält.

Hier sind unsere Leseeindrücke:

Dirk (von Deliah und Tabea)

Dirk Ackermann ist ein deutscher Death-Metal Fan, der Romanistik studiert hat und gerade in Mexico City verweilt. Er war für ein Konzert eingeflogen, wo er sich in Ana verliebt hatte, bei der er nun auch wohnt. Ana ist eine bewundernswerte Frau, findet Dirk. Ihr erster Streit trifft ihn hart, weil er weiss, dass sie Recht hat. Ana ist eine waschechte Feministin, bei der Dirks geprobte Strategie, den Apolitischen spielen, hinten raus geht. Sie schreit ihn an, konfrontiert ihn, gibt ihm zu denken. Er als Deutscher, er als Gebildeter, trägt eine Verantwortung. All das ist ihm nicht neu, er probiert es ja, sich zu bessern; nur nicht immer so sehr, wie er sollte. Es frustriert ihn. 

Dirk trägt ein frisches, entzündetes Tattoo mit sich herum, welches er als Racheakt gegen zwei Chinesinnen stechen liess, die in einem Genderseminar sein Ego verletzt hatten. Im Verlauf der Geschichte, nach seinem Streit mit Ana, verschlimmert sich die Infektion, bis Dirk in Fieberträume fällt. Er wandert durch eine Traumwelt, trifft Menschen aus seiner Vergangenheit, schreibt einen Essay, reflektiert. 

Er kommt im Krankenhaus wieder zu sich; die Versöhnung mit Ana steht an, bleibt offen.

Julia Kohli schreibt intuitiv und mit unverblümter Sprache, erzählt realitätsnah von echten, komplexen Menschen. Dirks Persönlichkeit, seine Gedankengänge und sein Abstieg in fiebernden Wirrwarr ziehen die Leser*innenschaft mit, verstören, faszinieren.

Irina (von Rahel und Varsha)

Irina wirkt von aussen wie die typische Feministin. Sie hat das Konzept Body-Positivity intellektuell komplett verstanden, verabscheut die sexistischen Kommentare ihrer Mitarbeiter, ignoriert Mansplaining und wohnt zusammen mit ihrer Partnerin. Doch umsetzen kann sie das Ganze nicht. Ihren eigenen Körper bezeichnet sie als Nilpferd und im Gegenteil zu ihrer Partnerin Nora weiss sie nicht genau, ob sie von ihren männlichen Mitarbeitern sexuell belästigt wird und nennt es lieber mal «nur» Sexismus. Von ihrem Chef wird sie auch nach ihrem Hit-Artikel beim Magazin, bei welchem sie arbeitet, nicht ernst genommen und ihr acht Jahre jüngerer Mitarbeiter mit weniger Erfahrung und schrecklichem Schreibstil denkt, sie könnte beim Schreiben von seiner Hilfe profitieren und hält ihr einen Vortrag über Feminismus. Loswerden kann sie diese Typen, die ihrer Meinung nach schon in den siebziger Jahren aussterben hätten sollen, erst nachdem sie ihre Partnerin erwähnt. Die Geschichte endet – parallel zum Body-Image, das die Frauenmagazine verbreiten, zu Beginn – mit einem Like auf ihrem Artikel von Heidi Klum. Der Text widerspiegelt die Realität vieler Frauen, welche zwar theoretisch das Konzept von Feminismus unterstützen, es jedoch schwierig an sich selbst anwenden können.

Urs (von Moritz und Niklas)

Ein Opfer. Urs ist ein Opfer der Umstände, der Gesellschaft und der Frauen. Das ist seine Perspektive. Aus der aller anderen ist er ein ekelerregender Perversling, der im Tram oder auch im Einkaufszentrum Unwohl verbreitet. Seine immer grösser werdende Aggressivität aufgrund der subjektiv wahrgenommenen Ungerechtigkeit lässt er an anderen Mitmenschen, mit Vorliebe an jungen Frauen, aus. Mit seinen fünfundreissig Jahren war er schon ganz oben, bereiste die Welt, doch nun ist er wieder ganz unten. Nach Jahren des Überflusses lebt er in seiner dreckigen, muffigen kleinen Wohnung. Mit einer Hand beim Bier und der anderen auf der Tastatur stalkt er junge Frauen und versucht, in seiner tristen Welt, so ein Date zu kriegen und mit ein bisschen Glück eine flachzulegen. Doch Erfolg hat er keinen und so wächst sein Frust von Tag zu Tag. Dass so ein Lebensstil nicht immer gut gehen kann, zeigt das Ende der Geschichte: Der Versuch eine Dame herumzukriegen, nimmt für ihn eine unschöne Wendung.

Diana (von Andrin und Nino)

Mit der Absicht, den schönen Wintermorgen in vollen Zügen zu geniessen, begibt sich Diana auf einen Ausritt durch einen märchenhaft verschneiten Wald, der bald zur mentalen Tortur wird. Der Auslöser dieser scheinbar endlosen Gedankenspirale ist eine Reportage mit dem Titel «A.s Tod: Es ist unfassbar, unentschuldbar». In der Geschichte «Diana» gewährt uns Kohli einen Einblick in die Gedankenwelt einer Mutter, die sich wehmütig immer weiter in den Erinnerungen an ihre Jugend verliert und nicht aufhören kann, sich mit einem Mordfall zu beschäftigen, der sich ereignete, als sie vierzehn Jahre alt war. «Vielleicht war das nun diese Midlife-Crisis, dass sie sich in fremden Schicksalen verlor. Vielleicht wollte sie sich ablenken, darin verschwinden, vielleicht trauerte sie ihrer Jugend nach, die so weit weg schien, als hätte sie auf dem Mond stattgefunden.» Der Autorin ist es gelungen das unbehagliche Gefühl, das mit Selbstzweifeln und belastenden Erinnerungen einherkommt, zu fassen und eine Stimmung zu schaffen, die im Kontrast zum sonst strahlenden Wintermorgen steht.

Pierre (von Leandra und Lena)

Pierre ist Kulturchef, schreibt Kolumnen und ist seit längerer Zeit unglücklich in seiner Ehe. Seine Frau, Jaqueline, arbeitet als Professorin für Filmwissenschaften und ist weltberühmt. Schon seit Beginn der Ehe hat Pierre nichts zu melden, nicht mal seinen eigenen Namen durfte er behalten. Ursprünglich hiess er Peter, doch seine Frau taufte ihn Pierre als er von der Schweiz nach Frankreich zog. Das Ehepaar unternimmt einen Wochenendurlaub in Pierres Heimat, dem Appenzellerland. Dort trifft sich Jaqueline mit Christina, einer Autorin, für ein Interview. In der Nacht wird Christina Zeugin eines Streits. Die Geschichte thematisiert eine unglückliche Ehe, die tragisch endet. Zu Beginn bekommen wir einen Einblick in Pierres Gedanken und sehen die Welt aus seiner Sicht.
In der Mitte ändert die Perspektive und nun wird die Geschichte aus Christinas Sicht geschildert. Durch die fehlende direkte Rede ist es teilwiese schwierig herauszufinden wer spricht und ob die im Fokus stehende Person nur denkt oder spricht. Eine Geschichte, die auch gerade wegen den Verständnisschwierigkeiten, zum Nachdenken über Beziehungen und Glücklichsein anregt.

Samantha (von Lara und Till)

Samantha, die Protagonistin des Kurztextes, ist eine ca. 30-jährige Frau, die als Flugbegleiterin arbeitet. Der Text zeichnet sich durch ihren Pessimismus und ihre vulgäre Ausdrucksweise aus und ist in zwei Teile aufgeteilt.

Im ersten Teil beobachten wir wie Samantha an einem besonders heissen Sommertag in Zürich spazieren geht. Es wird klar, dass sie keine besonders gute Beziehung zu ihrem Körper pflegt. Ständig kritisiert sie ihr Aussehen und nimmt dafür Vieles in Kauf, zum Beispiel unbequeme Schuhe. Wir nehmen Samantha als Person wahr, die gegen aussen perfekt organisiert wirkt. Im Innern regieren Zweifel und Unsicherheit. Sie ist ein mentales Wrack. 

Im Teil zwei begleiten wir Samantha auf einer ihrer Flugreisen. Dort berichtet sie von ihrer Arbeitsroutine. Dabei wird sie wiederholt von zwei jüngeren Männern sexuell belästigt. Schlussendlich artet die Situation aus und endet für Samantha im Gefängnis. 

Der Text ist sehr negativ geschrieben. Das widerspiegelt Samanthas mentale Verfassung. Sie hat von der Gesellschaft und ihrer Lebenssituation die Nase voll. Der Typ gibt ihr den letzten Rest.

Der Text ist zeitweise anstrengend, an anderen Stellen amüsant zu lesen und überzeugt durch die Storyline. Das Ende überrascht.

Würden wir den Text als Unterhaltungsliteratur empfehlen? – Ganz sicher nicht. Eine Leseempfehlung ist er aber auf jeden Fall!

Kurt (von Audrey und Saya)

Die Kurzgeschichte «Kurt» handelt von einem älteren Mann, welcher an einer Kunstakademie unterrichtet und von seinen Studentinnen zu einem Gespräch über seinen eigenartigen Unterrichtstil eingeladen wurde. Schnell wird jedoch klar, dass sie kaum einen Kompromiss finden werden und sich der Konflikt nicht lösen wird. Kurt, ein konservativer, kriegliebender, verbitterter und unempathischer Mann, der unfähig ist auf die Kritiken der Studentinnen einzugehen, behauptet gleichwohl, er sei hart im Nehmen. Auf alle Kritikpunkte der jungen Frauen, reagiert er direkt mit einer Offensive. In seinem Kopf, steht er mit all seinen Taten im Recht und schiebt die Probleme auf die Empfindlichkeit der jüngeren Generation. Obschon er der ist, der während des Gesprächs völlig emotional reagiert. Trotz seiner vermeintlich konfliktfreudigen Art, fühlt er sich schon vor dem Treffen geschwächt und energielos. Allerdings versucht er dies, nicht sonderlich erfolgreich, zu überspielen. Schweissgetränkt verlässt er zum Schluss das Café, ohne jegliche Aussicht auf Veränderung. Passend zu seiner ekligen, provokanten und unverträglichen Persönlichkeit. Kurt ist ein Abbild des Konservatismus und der Frauenfeindlichkeit und weckt eine Wut auf all die Männer, die sein Gedankengut teilen. Julia Kohli nutzt diesen abstossenden Protagonisten geschickt, um ebendieses Gedankengut zu verhöhnen und zu kritisieren. 

Mit den Leseeindrücken verabschiedet sich das aktuelle Autor:innenteam von „Über Zeilen“ und übergibt die Arbeit an neue Maturand:innen.
Wir wünschen unseren Nachfolger:innen viel Spass beim Lesen, Tippen, Besprechen und Herumstreunen im Literaturbetrieb!

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