
Der/die Autor*in Kim de l’Horizon gewann dieses Jahr mit deren Debütroman nicht nur den Schweizer, sondern auch den deutschen Buchpreis. Überall wurde über dieses Buch geredet, lobend aber auch kritisch. Dies erweckte meine Aufmerksamkeit und ich wollte nun selbst herausfinden, was es mit dem Hype auf sich hat.
Im Laufe meiner Recherche bin ich jedoch auf eine ganz besondere literarische Goldgrube gestossen: Amazon Reviews. Auch auf dieser Plattform sind die Meinungen über besagtes Buch sehr gespalten. Den 49% 5-Sterne Kommentaren stehen 16% 1-Sterne Bewertungen gegenüber. Darunter auch konstruktive Kritik, allerdings haben es mir vor allem die emotionsgeladenen Hate-Kommentare angetan.
In dieser Rezension werde ich auf dumme, unterhaltsame und kritische Amazon Kundenbewertungen von «Blutbuch» antworten, auf deren Inhalt eingehen und meine eigene Meinung zum Buch äussern.
Eine sprachliche Zumutung

Gleich schon am Anfang wurde auch mir bewusst – dieses Buch ist keine leichte Unterhaltungslektüre. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich hat mich «Blutbuch» herausgefordert. Mit der «ecriture fluente», wie es Kim beschreibt, muss man sich mit einem langen Fliesstext, noch längeren Sätzen, Gedankensprüngen, Anglizismen, Helvetismen und allgemeiner Unregelmässigkeit abfinden. Was erst mal nach einer Tortur klingt, stellte sich für mich als unerwartet angenehm lesbar heraus. Persönlich konnte ich genau mit diesem «Flow» sehr gut mitgehen. Dies ist allerdings Geschmackssache und ich kann verstehen, dass Kim’s Schreibstil nicht jedermanns Sache ist.
Grammatik und Rechtschreibung waren noch nie mein Hauptkritikpunkt, wenn es um Literatur geht, ausser es ist dermassen störend, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Darauf ob «Blutbuch» zu 100 Prozent grammatikalisch korrekt ist, habe ich nicht geachtet, kann folglich auch nicht darüber urteilen. Es gibt, wenn man ehrlich ist, auch sehr viel Interessantere Diskussionsfragen.
Kunst?

An diesem Punkt sollte man sich die Frage stellen – Was ist Literatur überhaupt?
Laut Wikipedia: Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert der Bereich aller mündlich (etwa durch Versformen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse.
Diese Definition lässt darauf deuten, dass niemand allein darüber entscheiden sollte, was Kunst ist und was nicht. Denn genau das macht Kunst interessant, sie wird nie jedem gefallen können. Auch wenn ich deinen Frust verstehe und auch nicht jedes einzelne von der Öffentlichkeit gehypte Buch gut finde.
Ausbeuterischer Sex

Liebe Waltraudt, ich glaube du hast noch keine einzige Wattpad Fanfiction gelesen. Ansonsten hätten dich die Sexszenen in Blutbuch wohl kaum schockiert.
Nun zu deiner Frage – Wäre das Buch genauso gelobt worden, wenn der «ausbeuterische Sex» klassisch heterosexueller Natur gewesen wäre?
An dieser Stelle will ich dich gerne an die Unmengen Bücher dieser Art erinnern, welche bereits existieren, und manchmal sogar den Titel «Klassiker» tragen.
Auch Werke wie «Fifty Shades of Grey» werden weltweit konsumiert. Ich frage mich, ob das Buch wohl genau so berühmt geworden wäre, hätte es sich dabei um zwei Männer gehandelt.
Genderkram

Liebe*r Richard
Was meist du damit? Wenn dieses Thema für dich so üblich ist, nehme ich an, dass du dich selbst schon genügend über Genderidentitäten aller Art informiert hast. Ansonsten würde ich mich mit Kommentaren dieser Art zurückhalten.
Es ist ein Fakt, dass die Themen Gender und Sexualität in den letzten Jahren viel mehr thematisiert wurde. Auch die Zahl der Leute, welche sich nicht ins binäre Geschlechtersystem einordnen können oder wollen, ist gestiegen, was besonders bei den konservativen Kreisen für Aufregung sorgte. «Das ist doch alles nur ein Trend.», ist ein häufiges Argument besagter Kategorie Mensch.
Kim de l’Horizon spricht von deren eigenen Erfahrungen und dem Aufwachsen mit einer schwierigen Beziehung zu Geschlecht und Körper. Was meiner Meinung nach nicht nur ein Thema für Transpersonen ist. – Wer bin ich? Was heisst es, eine Frau zu sein? Was heisst es, ein Mann zu sein? Passe ich in dieses System? Will ich mich anpassen? – Sind dies nicht Fragen, die sich jeder zweite Jugendliche stellt, unabhängig von dessen Geschlecht? Ist «der übliche Genderkram» dann nicht auch Inhalt jedes zweiten Coming-Of-Age Romans?
Auch wenn dem nicht so wäre, Transmenschen sind ebenfalls ein Teil unserer Gesellschaft. Und nur, weil nun mehr Trans-Repräsentation in der Literatur vertreten ist, heisst dies nicht, dass weniger über männliche Männer in Holzfällerhemden geschrieben wird.
No Mainstream, please!

Psychotherapie Sitzungen sind etwas, was ich Menschen empfehlen würde, die sich so sehr über das Gendern aufregen. Ob in einem Text «gegendert» wird, beeinflusst weder dessen Inhalt noch den Lesefluss.
Die allgemeine Aufklärung über Sexualität und Identität lässt sich meiner Meinung nach auch nicht mit einem Trend vergleichen. Natürlich gibt es auch queere Personen, die «Blutbuch» im Spezifischen nicht mögen. So wie es auch heterosexuelle Personen gibt, die «Titanic» nicht ausstehen können, auch wenn es durch und durch hetero ist. Ausserdem, wieso interessiert dich die Ansicht einer Menschengruppe, die deiner Meinung nach bloss dazu da sind, um Hunde hinter dem Ofen medial hervorzulocken?
Einen Roman über Sex mit Haushaltsgeräten fände ich jedenfalls interessanter als das alltägliche Klagen über den «Mainstream» von Leuten, die sich für besonders schlau halten.
Linke Diktatur

Minderheiten werden nach jahrelanger Unterdrückung zum Thema der Öffentlichkeit und werden repräsentiert. Andere nennen es «linke Diktatur».
Ein Statement gegen die Diskriminierung von Trans-, und Nichtbinären Menschen wurde mit diesem Buchpreis auf jeden Fall gesetzt. Kim äusserte sich auch persönlich dazu:
«Dieser Preis ist nicht nur für mich. Ich denke, die Jury hat diesen Text auch ausgewählt, um ein Zeichen zu setzen gegen den Hass, für die Liebe, für den Kampf aller Menschen, die wegen ihres Körpers unterdrückt werden.»
Offensichtlich fühlen sich gewisse Leute dennoch in ihren Privilegien bedroht. Keine Angst, Rechte und Privilegien sind keine Pizza. Mehr für den einen heisst nicht weniger für den anderen. Es lebe die linke Diktatur!
Als Fazit will ich nur anfügen, dass es mich fasziniert, wie viele Diskussionen ein Buch auslösen kann, wenn darin nicht die Cis-heterosexuelle Normalität dargestellt wird. Dazu auch noch kein klassischer Schreibstil – Etwas zu viel auf einmal für gewisse Menschen.
Mir persönlich hat das Buch gut gefallen. Definitiv etwas anderes als die normalerweise prämierte Literatur und auch nicht wirklich vergleichbar mit anderen Büchern, die ich bisher gelesen habe.
Blutbuch – Kim de l’Horizon
Seitenzahl: 336 Seiten
Genre: Roman
Verlag: Dumont
Bestellnummer: 978-3-8321-8208-3
Preis: Ca. 28.-

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