„Das Blütenstaubzimmer“, Zoe Jenny’s literarisches Debut, erzählt von der Protagonistin Jo und deren Abschied von den Eltern. Der Roman machte die damals 23-jährige Autorin zu einer der bewunderten allerdings auch kritisierten und gefürchteten Schriftstellerinnen der Zeit, in der junge Autorinnen mit ihren neuen, eigenen Wegen ins Rampenlicht gelangen und endlich zu Wort kamen. Poetisch erzählt sie eine Geschichte des leisen Aufbegehrens die den/die Leser*in auf wundervolle aber auch wehmütige Weise zum Nachdenken anregt.
Einsamkeit in jungen Jahren
Am Anfang steht eine Kindheitserinnerung aus dem Zusammenleben mit dem Vater, welcher Tag und Nacht seiner Arbeit widmet. Darin fand auch Jo’s Furcht vor dem Zubettgehen seine Wurzeln. Zum Geklapper des Vater’s Schreibmaschine schlief sie ein, wurde dann wieder geweckt als dieser als Nachtfahrer die Wohnung verliess. Die eigene Mutter war schon da kein Teil mehr von ihrem Leben. Jo’s Kindheit geprägt von einer Dunkelheit, bevölkert von Gespenstern der Einsamkeit und Ängsten.
Wiedersehen
Nach Zwölf Jahren der Trennung sucht die 18-jährige Jo im Süden ihre Mutter auf. Die Suche wird durchbrochen von Reminiszien, Rückblenden und Traumerzählungen. Mit dem Wiedersehen kommt aber auch der Abschied. Die Begegnung mit ihrer Mutter lässt sie vergangenem Schmerz, Enttäuschungen und dem Alleinsein nicht entkommen. Das Gefühl des fremd seins kann selbst dann nicht überwunden werden, als sie ihre Mutter aus dem Blütenstaubzimmer retten konnte, in das sich diese wegen des plötzlichen Todes ihres Partners eingeschlossen hatte. Im Gegenteil wird die Kluft zwischen ihnen mit jedem gemeinsamen Moment noch grösser, bis sie schliesslich unmöglich zu überqueren scheint. Jo weiss, sie muss ihre eigene Richtung einschlagen, abgelöst von ihrer Vergangenheit.
Was Heilung mit sich bringt
Trotz simpler Handlung, oder sogar genau deshalb, ein faszinierender Roman der einem auf die emotionale Achterbahnfahrt der Heilung mitnimmt. Die Geschichte der drei Frauen, Jo, ihrer Mutter Lucy und Jo’s vermeintlicher Freundin Rea, die alle ihr eigenes Päckchen mit sich zu tragen haben. Doch auch davon wie Teile ebendieser Päckchen weitergegeben, geteilt oder erschwert werden können. Kunstvoll beschreibt Zoe Jenny Gefühle der Enttäuschung, Erwartung, Melancholie und Verlorenheit und dies trotz des nüchternen Schreibstils. Der/ Die Leser*in wird wahrlich in den Roman hineinversetzt und fühlt mit den Figuren mit. Die Stimmungen werden zu den Lesenden transferiert, ohne sie wörtlich zu benennen. Dies durch die Gedanken und Träume der Protagonistin, besonders aber auch durch die sowohl wunderschönen, farbigen, idyllischen, düsteren, grauen bis zu grässlichen Landschaftsbeschreibungen. Ein Wandel in der fiktiven Stadt begleitet den Wandel in Jo’s Beziehungen.
Wundervolle Traumata
Eine geschickt gewählte Mischung der Trauer, Einsamkeit und gar Ekel mit Erleichterung und Geborgenheit. Entgegen der tragischen Thematik, dem Schicksal und den Traumata Jo’s, ein wunderschöner Roman. Es ist ein Buch, das eine Last von den Schultern nimmt. Ingesamt sehr lesens- und empfehlenswert.
Audrey Scheidegger
Das Blütenstaubzimmer – Zoe Jenny
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, 1997
Genre: Erzählende Literatur& Romane
Seitenzahl: 128
Preis: ca. 15.-

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