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Taten über Worte

Ist die politische Haltung ein berechtigter Grund, nicht mit einer Person zu kommunizieren? Wie geht man mit Situationen um, in denen Menschen rassistische oder antisemitische Witze reissen? Wo hört die politische Meinung auf und wo beginnt das Menschsein?

Dora, die Protagonistin im Buch « Über Menschen », erlebt viele solcher Situationen. Sie nennt diesen Zustand eine Art Rassistenstarre. Zu Beginn des Romans verfällt sie oft in diese Starre. Sie ist die Konfrontation mit anderen Meinungen nicht gewohnt und fühlt überfordert. Im Verlauf des Buches lernt sie, damit umzugehen. Oft stellt Dora sich die Frage, ob sie den Kontakt abbrechen sollte, da die Haltung der anderen Charaktere nicht ihrer eigenen entspricht. Sie beginnt, sich selbst zu hinterfragen, und realisiert, dass Menschen eine Meinung besitzen, aber nicht immer danach handeln. «Es geht nicht darum, Widersprüche aufzulösen», sagt Steffen, «sondern sie auszuhalten.»

Julie Zeh, die 52-jährige Schriftstellerin veröffentlicht ihren Roman im Jahr 2021. Der Text ist eine Kommunikation mit sich selbst. Es gibt viele Passagen, in denen die Überlegungen des Hauptcharakters dargestellt werden. Diese Gedanken entsprechen also den Vorstellungen von Juli Zeh.

Es handelt sich um einen zeitgenössischen Roman, der das Leben von Dora zeigt. Sie zieht während Corona von Berlin nach Bracken. In eine kleine Provinz im Nirgendwo. Trotz aller Widersprüche muss sie aus der Grossstadt raus. Vor allem will sie weg von ihrem Coronafanatikerfreund. Die Wohnung wird ihr zu eng und die permanenten Informationen über Corona machen sie fertig. Sie fühlt sich überfordert mit neuen Informationen zu Corona. Sie will sich nicht mehr damit auseinandersetzen. Sie führt eine kleine Rebellion gegen die Panikmacher des Systems. Nicht mal mit Absicht, sondern vor allem aus Prinzip. Etwas in ihr sträubt sich, sich von der Hysterie ihres Freundes mitreissen zu lassen.

In Bracken angekommen, lernt sie als Erstes ihren Nachbarn Gote kennen. «Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi.» Dora wird im Buch immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert und weiss oft nicht, wie sie reagieren soll. Gote hilft ihr, das Haus zu renovieren. Sie unterstützt ihn, als er krank wird, und behandelt seine Tochter wie ihre eigene. Sie sind eine glückliche kleine «Familie». Wichtig ist nur noch, wie sie miteinander umgehen und miteinander sein können. Dora beschreibt dieses Gefühl als «geteilte Stille». Sie konnten in Ruhe miteinander existieren und keiner von beiden störte sich daran. Juli Zeh bringt so die Gedankengänge von Dora den Leser*innen näher. Sie beschreibt genau, was in ihr vorgeht. Somit ist es für uns nachvollziehbar und realitätsnah. Die Protagonist*innen machen im Verlauf des Buches viele Charakterentwicklungen durch. Vor allem bei Dora sieht man, wie sie sich weiterentwickelt. Zuerst nur in Gedanken, aber anschliessend auch in ihren Handlungen. Sie lernt, mit Widersprüchen umzugehen.

Das Buch hat mir gezeigt, wie komplex der Umgang mit Personen ist, die eine andere politische Meinung haben. Allerdings hat es gezeigt, dass es möglich ist. In der Realität darf man seine Grenzen ziehen, sobald man merkt, dass das Gegenüber nicht die gleiche Haltung besitzt. Ich persönlich habe auch Kontakt zu Personen, die politisch anders gestimmt sind. Die Gespräche bringen nichts und keiner von uns lässt sich umstimmen. Auf dieser Ebene sind wir nicht auf einer Wellenlänge. Doch neben den politischen Differenzen gibt es auch noch die Freundschaft. Der Zusammenhalt zwischen zwei Personen, der über allem anderen steht. Es geht nicht darum die Wiedersprüche aufzulösen, sondern zeitweise darüber hinweg zu sehen. Man darf eine andere Meinung als das Gegenüber haben. Am Ende des Tages zählen nur die Taten für einander und nicht die politische Meinungen.

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