«Und jetzt, wohin fahren wir jetzt?»
Mit dieser Frage startet der Roman «Aller Tage Abend» von Jenny Erpenbeck und stellt damit auch das Leitmotiv des gesamten Romanes dar. Denn in einer Zeit, in der alles klar einem Weg folgt und nach Eindeutigkeit und Klarheit strebt, zeigt uns Jenny Erpenbeck auf beeindruckende Weise, wie ein einziger Atemzug oder dessen Ausbleiben über den Verlauf eines ganzen Jahrhunderts entscheiden kann.
Jenny Erpenbeck, die 1967 in Ostberlin zur Welt kam und in einer Schriftstellerfamilie gross wurde, liess ihre eigene Familiengeschichte teilweise in den Roman einfliessen. Der Roman wurde in fünf Bücher aufgeteilt und mit geschickten Intermezzos verknüpft. In jedem Buch lässt sie ihre Protagonistin, die das 20. Jahrhundert erlebt und erleidet, einmal sterben, um das Schicksal und den möglichen Verlauf der fiktiven Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stirbt in einem galizischen Städtchen ein Baby, sein verzweifelter Vater, wandert nach Amerika aus und seine Mutter wird Prostituierte. Aber könnte es nicht auch ganz anders sein?
Also das Baby lebt, die Familie geht nach Wien, leidet erbärmlichen Hunger, und das inzwischen junge, einsame Mädchen begeht verzweifelt Selbstmord. Oder doch nicht?
Sie lebt, wird Kommunistin, geht nach Moskau, beginnt zu schreiben und stirbt im GULAG.
Oder doch nicht? Sie führt in der DDR ein erfolgreiches Leben und stirbt als hoch geehrte Schriftstellerin.
Oder erlebt sie doch noch den Mauerfall?
«Aller Tage Abend» behandelt nicht nur die Entwicklungen der Protagonistin, sondern auch das Familienleben. Der Roman erzählt die Familiengschichte, die auf Lügen aufgebaut ist. Ebenso wie die jüdische Großmutter ihrer Tochter verheimlicht hat, dass ihr Vater von Antisemiten im Blutrausch ermordet wurde, erzählt die Protagonistin und Enkelin, die in Moskau und der DDR lebt, ihrem Sohn nicht, dass sein Vater dem stalinistischen Regime zum Opfer fiel. Die Lebenslüge nistet sich als Element der Entfremdung in der Familie ein.
Wohin der Weg führt oder wann er zu Ende ist entscheidet bloss der Zufall, das Schicksal oder sogar Gott. Natürlich mag man sich daher fragen, wo in diesem Roman überhaupt Platz gelassen wird für persönliche Verantwortung, Schuld und Zivilcourage. Macht es sich die Autorin nicht zu leicht, wenn sie dem Zufall eine tragende Rolle in unserem Leben einräumt? Aber das ist einfach nicht die Frage, die Jenny Erpenbeck in „Aller Tage Abend“ stellt. Sie fragt nach der Rolle, die der Zufall in unserem Leben spielt, und das gelingt ihr auf ungewöhnliche Weise.
«Aller Tage Abend» beeindruckt durch die Wucht der intensiven Szenen. Den gewaltsamen Tod des Grossvaters, den erbärmlichen Hunger in Wien, die kommunistische Selbstkritik oder die Heldin, die sich in Sibirien ihr eigenes Grab schaufelt, wird der Leser so schnell nicht vergessen. Jenny Erpenbeck versteht es zwischen den Perspektiven der Charaktere zu wechseln und den Ton und Stil der geschilderten Situation anzupassen. Dadurch reisst der Roman die Leser*innen mit. Obwohl «Aller Tage Abend» von düsteren Geschehnissen durchzogen ist, verleiht der Sprachrhythmus dem Roman einen heiteren Grundton.
Mit «Aller Tage Abend» ist Jenny Erpenbeck ein spannender Roman gelungen, bei dem man beginnt die eigene Entscheidungsmacht zu hinterfragen und dem Schicksal und dem Unvorhersehbarem Verlauf des Lebens Platz zu machen.

Bild: exlibris (Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck: Buch kaufen | Ex Libris)

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