
Die eigene politische Meinung zu teilen, ist gefährlich. Man wird gesellschaftlich in eine Schublade gesteckt und nicht angehört. Man bzw. Frau lebt in ständiger Angst vor einer ungerechtfertigten Verhaftung und man weiss nicht, wem man vertrauen kann.
Wir befinden uns 1936 in Frankfurt in Deutschland. Es ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die Irmgard Keun in ihrem Roman «Nach Mitternacht» thematisiert. Aus Sicht der 19-jährigen Susanne erleben wir den Besuch Hitlers auf dem Opernplatz. Durch ihre Augen verfolgen wir dieses Event und ihr alltägliches Leben. Die Autorin zeigt in diesem Roman ausserordentlich gut, wie das Leben einer deutschen Bürgerin unter dem NS-Regime war. In der Schule lernen wir heute sehr viel über das NS-Deutschland und das Verbrechen der Nationalsozialisten. Meistens ist die emotionale Innensicht einzelner Bürger nicht dabei. Ich empfinde diesen Aspekt allerdings als ausserordentlich wichtig für das Verständnis des Verhaltens der Gesellschaft zu dieser Zeit. Deshalb schätze ich das Werk von Irmgard Keun sehr, weil sie uns diesen Einblick gewährt.
Den Einblick in diese Zeit kann Irmgard so darstellen, weil sie selbst zu einem Opfer des Regimes wurde. Kurz nach der Machtergreifung 1933 wurde ihre Literatur verboten und damit ihr Einkommen gestrichen. Da sie ihre Existenzgrundlage verlor, verlangte sie Schadenersatz und geriet so unter Verfolgung der Gestapo. Sie floh 1936 aus Deutschland und schrieb den Roman «Nach Mitternacht». Im Vergleich zu anderer Exil- bzw. Vertriebenenliteratur beschreibt ihr Werk den Nationalsozialismus nicht von aussen, sondern aus der inneren Perspektive.
In Keun’s Roman wird uns aufgezeigt, was der Nationalsozialismus bei den Menschen psychologisch und sozial auslöste. Die Angst und Ungewissheit waren Alltag für die Bevölkerung. Man wusste nicht, wem man vertrauen konnte. Dazu kam Frust, weil den Frauen, die mit dem Regime nicht einverstanden waren, gesagt wurde, sie hätten die nationalsozialistische Weltanschauung nicht verstanden. Ich finde das extrem erniedrigend! Keun zeigt diesen Aspekt in ihrem Roman durch den Charakter Berti, dem genau das mehrfach passierte. Natürlich hat sie das System verstanden, sie unterstützte es einfach nicht, weil sie darin ein Problem sah. Sie durfte dann den Nazi-Männern, die sie belehren wollten, nicht widersprechen, weil sie sonst eine heftige Diskussion auslösen und als Gegnerin angezeigt werden könnte. Gerti stellt eine emotionale und starke Figur dar.
Gerti sagte, er solle sich an sein Blut wenden und sein Blut fragen, warum es nicht gesprochen habe, wie es sich gehöre. Ich sage schnell, um die Situation nicht. lebensgefährlich werden zu lassen: „Meine Freundin wollte ja nur einen Scherz machen ..“ S. 39
Frauen in Deutschland um 1936 hatten also nicht nur mit der Propaganda, Angststreuung und Meinungsunfreiheit des Nazi-Regimes zu kämpfen, sondern mit geschlechtlich bedingten Konsequenzen. Erhöhte Drohmöglichkeiten und Erniedrigungen gehörten dazu. Gezeichnet sind diese durch das Bild der Frau, als schönes Objekt, sexualisiert, dumm und irrelevant.
Durch den Charakter der Sanne zieht Keun das NS-Regime auch ins Lächerliche. Sanne versteht, dass diese Regierung absolut absurd ist. Sie wehrt sich zwar nicht aktiv, aber innerlich findet sie das System zunehmend absurd und beängstigend. Irmgard Keun ist es wichtig zu zeigen, wie ihr Zuhause zu einem überwachten Ort wurde. Sie will der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.
Nach dem Lesen des Romans ist man froh, nicht in einer solchen Zeit gelebt zu haben. Ich schätze mich glücklich, nicht in ständiger Angst vor dem Staat und einer ungerechtfertigten Festnahme leben zu müssen. Ich bin dankbar, meine Meinung trotz des verminderten Ansehens im Patriarchat, frei teilen zu können. Man sieht, wie sich viele Dinge bezüglich des Frauenbildes heute positiv verändert haben und andererseits, was sich noch ändern muss. Keun ermöglicht durch ihre eigene Erfahrung einen starken und direkten Einblick in das Leben einer Frau im Nazi-Regime. Der Roman ist spannend und abwechslungsreich geschrieben, wodurch man sich realistisch in die Zeit zurückversetzen lassen kann. Ein sehr empfehlenswertes Werk von einer starken und emanzipierten Frau. Die übrigens unter einem falschen Namen 1940 und mit einer Falschnachricht ihres eigenen Selbstmordes nach Deutschland zurückging. Sie lebte dort unentdeckt und wurde zu einem sehr grossen literarischen Erfolg, da sie die Perspektive des Exils, aber auch diese des NS-Regimes selbst erlebt hat.

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