Der grosse Erzähler Rafik Schami

Eine Lesung im Gespräch mit Nicola Steiner über das Leben des syrischen Autors Rafik Schami im Literaturhaus Zürich.

Das Literaturhaus Zürich https://literaturhaus.ch/

Die Tür des Literaturhauses in Zürich öffnet sich mit einem gedämpften Glockenton, als ich von der belebten Strasse in den Vorraum trete. Ein kleiner Raum, voller Menschen, die in einer langen Schlange stehen. Eine schwarz gekleidete Frau nimmt mir meine Jacke ab und hängt sie auf den gelben Kleiderständer. Mit leisen Schritten betrete ich den Lesesaal. Mein Blick gleitet als erstes nach oben. Die Decken sind ungewöhnlich hoch. Auf dem Podium stehen zwei kleine schwarze Stühle vor einem Tisch, auf dem zwei Gläser mit Wasser stehen. Hinter den Stühlen fällt ein langer dunkelvioletter Vorhang zu Boden. Die beiden Stühle sehen einladend aus. Es ist nicht ganz leicht, einen Platz zu finden. Im Raum hat sich eine einheitliche Menschenmenge versammelt. Die Besucher sind gekleidet in einer Mischung aus schicker Abendgarderobe und legerer Bohème-Mode. Sie sind mehrheitlich Frauen und gehobenen Alters. Ich frage mich, wie sehr ich den anderen Besucher*innen auffalle, mit meinem jungen Alter. Die Luft ist erfüllt von gedämpften Gemurmel, leisem Gelächter und dem Rascheln der Seiten in den Notizblöcken und Büchern, die man in dem kleinen Vorraum kaufen konnte. Ein grosser weisser Kreis mit vielen kleinen und feinen Lampen über dem Hauptsaal ist das Herzstück des Raumes. Es lässt den Raum mächtiger erscheinen. Die linke Seite des Raumes wird komplett von einem grossen Bücherregal eingenommen. Ich laufe den langen Gang bis ganz nach hinten und setze mich auf den fast letzten freien Stuhl. In diesem Moment betreten die beiden Gesprächspartner Nicola Steiner und Rafik Schami den Raum.

Beide sitzen mit verschränkten Armen auf ihren Stühlen und blicken in das gespannte Publikum. Rafik Schami wird von Nicola Steiner als «grosser Geschichtenerzähler» vorgestellt. Ich bin gespannt, was mir der Abend bringen wird.

Rafik Schami

Das Pseudonym Rafik Schami bedeutet «Freund aus Damaskus». Er stammt aus einer katholischen Familie und wuchs im christlichen Viertel der Altstadt von Damaskus auf. Er studierte Chemie, Mathematik und Physik. Bereits im Alter von 19 Jahren widmete er sich der Literatur. 1970 musste er sein Heimatland Syrien verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Er setzte sein Studium in Heidelberg fort, promovierte dort und lebt seitdem in Deutschland. In sein Heimatland ist er nie mehr zurückgekehrt.

Mit der deutsch-schweizerischen Kulturjournalistin und Moderatorin Nicola Steiner, spricht Rafik Schami über seine Herkunft, seinen Weg zur Literatur, die Kunst des Erzählens, die Liebe zur Sprache und sein Engagement als Brückenbauer. Immer in der Minderheit lebend, als Aramäer unter Syrern, als Katholik unter Moslems, als Exilant in Deutsch, setzt er sich ein als Vermittler.

Die Lesung war keine typische Lesung, wie man sie kennt. Nicht mit dem Autor auf der Bühne, der lebhaft aus seinem neusten Roman vorliest. Es war vielmehr eine Erzählung. Eine Erzählung über das Leben von Rafik Schami und seine Erfahrungen.

Auch wenn sich die Texte von Rafik Schami eher an ein älteres Publikum richten, fand ich das Gespräch mit dem Autor höchst interessant. Ich wäre neugierig einmal eine Lesung zu besuchen, die von der Moderatorin Nicola Steiner mehrfach gelobt wurden und offensichtlich ein sehr grosses Publikum anzieht.

Kommentar verfassen

Comments (

0

)

Entdecke mehr von Über Zeilen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen