Stanislaw Lems „Solaris“ ist ein Meisterwerk der Science-Fiction und Philosophie, das den Leser auf eine faszinierende Reise in die Tiefen des Universums und der menschlichen Psyche mitnimmt.
Planet mit eigenem Willen
Solaris ist ein Planet, der fast vollständig von einer gallertartigen Masse bedeckt ist. Dieser Ozean ist nicht nur in der Lage alle möglichen Formen und Dinge aus der Gallerte zu bilden, sondern kontrolliert anhand von ihr auch die Flugbahn des Planeten und hält diese stabil. Dies lässt die Menschen auf ein intelligentes Wesen schliessen und sie beginnen mit der Erforschung des Planeten, jedoch Jahrzehnte lang ohne Erfolg.
Als der Psychologe Chris Kelvin auf der Station, die über Solaris schwebt, eintrifft, wird er rau empfangen. Kein Crewmitglied begrüsst ihn und er trifft alles in einem verwahrlosten Zustand vor. Kurz nach seiner Landung auf der Station trifft Chris die Info über den Selbstmord seines Mentors. Wieso dieser sich umgebracht hat, wird von Snaut, dem Kybernetiker der Station, geheim gehalten und Chris wird mit leeren Worten und einer Warnung weggeschickt.
Bald erfährt Chris selbst, wieso sich die Crewmitglieder seltsam verhalten. Er bekommt Besuch von seiner ehemaligen, verstorbenen Frau. Sie hat sich umgebracht und Kelvin gibt sich selbst die Schuld daran. Nach Recherchen und erfolglosen Versuchen seinen «Gast» loszuwerden, merkt Kelvin, das er eine Manifestation des Ozeans vor sich hat, die aus dem Unterbewusstsein der Stationsbewohner Gäste zu kreieren scheint. Das spezielle dabei ist, dass die Gäste selbst nichts über ihre Herkunft wissen und glauben wirklich diese Person zu sein.
Das Buch, das wie ein Science-Fiction Roman über Ausserirdische beginnt bekommt immer mehr einen philosophischen Touch und überzeugt nicht mit viel Handlung, sondern mit den vielen Gedankengängen, Überlegungen, Zweifeln und Ängsten von Chris, denen er sich während seiner Zeit in der Station stellen muss.
Sci-Fi mal anders
Anders als in den vielen bekannten Bücher und Filmen über Ausserirdische wie Star Wars oder Star Trek, kann das ausserirdische Wesen in Lems Solaris weder in Form noch in Taten in einen menschlichen Zusammenhang gebracht werden. Der Ozean hat keinerlei offensichtlichen Sinnesorgane, um die Kommunikation zu erleichtern, noch scheint es irgendein Schema zu all den Oberflächenerscheinungen zu geben, die auf Solaris zur Tagesordnung gehören. Genau diese Unüberwindbarkeit und Fremde zwischen Mensch und Planeten ist eines der Hauptthemen im Buch. Der Mensch steht, anders als in vielen andern Science- Fiction Romanen, in denen die Ausserirdischen trotz aller Fremdheit irgendwie menschenähnlich sind, vor etwas völlig Neuem. Dies ist im Falle der Solaris jedoch keinesfalls langweilig, sondern bringt viele philosophische Fragen mit sich, mit denen sich Chris befassen muss.
Wie schon gesagt befasst sich das Buch viel mit der Psychologie des Menschen. Die Frage wie man darauf reagiert, wenn man auf einmal wieder mit seinem Trauma konfrontiert wird, wird aufgeworfen. Kelvin gibt sich selbst die Schuld am Tod seiner Frau und auf einmal ist sie wieder da. Diese Frage und ihre Antwortmöglichkeiten sind ein zentrales Thema des Romans.
wissenschaftliche Ironie
Im Roman gibt es zwei Handlungsebenen. Die eine Ebene sind die Erlebnisse und Gedanken von Chris Kelvin und die andere ist die Suche nach Informationen über die Solaris selbst. Bei dieser Suche werden oft lange Abschnitte aus Büchern der Bordbibliothek beschrieben und somit bekommt man als Leser einen Einblick in die verschiedenen Strömungen und Lehren im Bezug auf den Planeten im Laufe seit seiner Entdeckung. Diese Informationen werden jedoch nicht nur für die Handlung des Buches gebraucht, sondern dienen auch als ironische Darstellung der realen Wissenschaft. Es wird sehr ausführlich und detailreich beschrieben. Jede wissenschaftliche Richtung also zum Beispiel Physik, Astronomie und sogar Psychologie hat dabei eigene Theorien. Über die Jahre der Solaris Geschichte werden Anfangs unerschütterlich geglaubte Theorien widerlegt. Auch bei den Besatzungsmitgliedern der Station kommt es zu Meinungsverschiedenheiten im Bezug auf den Umgang und der Forschung mit den Gästen. Dies ist vermutlich eine Anspielung auf die Geschichte der Menschheit und auch auf den Stand der Wissenschaften jetzt, die so kompliziert sind, dass sich nicht einmal mehr Forscher mit dem gleichen Fachgebiet sicher verstehen.
Die verschiedenen und in sich sehr unterschiedlichen Themen wie Psychologie, Wissenschaft und Intelligenz in einem Science-Fiction Setting machen das Buch sehr lesenswert. Es ist jedoch weniger für Action Fans, sondern regt mehr zum Nachdenken an.
Stanislaw Lem, Solaris, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 2021, 336 Seiten, Preis: CHF 15.50

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