Margarete Stokowski scheut sich weder über die «kleinen schmutzigen Dinge», noch über die grossen Machtfragen zu sprechen. Mit ihrem Debut «Untenrum frei» schafft sie einen neuen Zugang zu den grossen und belasteten Themen wie Sexualität, Gerechtigkeit und Feminismus – wütend, humorvoll und provokativ.
Von Nino Cantieni
«Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind», lautet Stokowskis zentrale These. Pointiert arbeitet die Autorin die Zusammenhänge zwischen politischer und gesellschaftlicher Gleichstellung von Mann und Frau und der «sexuellen Befreiung» der Frau heraus. Bereits auf den ersten Seiten belegt Stokowski mit scharfsichtigen Beobachtungen aus ihrem Alltag, warum die Geschlechter-Gerechtigkeit noch lange keine Realität ist.
«Die Autovermietung, die zu Werbezwecken einen jungen Mann lasziv an einer Kühlerhaube knabbern lässt, muss erst noch gegründet werden.» Ein typischer Stokowski-Satz. Scharfsinnig und zugleich humorvoll verdeutlicht die Autorin, wie bestehende Geschlechterrollen den Kindern durch die Sozialisierung eingetrichtert werden und wo die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Sexualisierung der Frau im Alltag sichtbar werden. Mit ihren auf den ersten Blick willkürlich zusammengewürfelten Anekdoten zeichnet Stokowski ein Bild der bestehenden Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen der Frau in unserer Gesellschaft. Erschreckend ist dabei, wie bekannt einem ihre Beobachtungen und Episoden vorkommen, sodass man manchmal am liebsten laut schreien möchte: «Ja! Richtig! Genau so ist es!»
Frauenzeitschriften
Statt auf eine abstrakte Weise über Schönheitsideale und Rollenvorstellungen zu schreiben, erzählt Stokowski, wie sie sich als Teenager die Zähne mit Backpulver bleicht. Den Ratschlag nahm sie, ohne ihn weiter zu hinterfragen, aus einer Frauenzeitschrift, die ihr weissmachte sie sei nicht hübsch genug. Deren Botschaft an junge Mädchen und Frauen ist dabei stets dieselbe: Der weibliche Körper hat Defizite, ganz klar, aber wenn man sich Mühe gibt und deren Ratschläge befolgt, kann man sie beheben. Gegen aussen dürfe es aber auf keinen Fall so aussehen, als ob man sich zu sehr um sein Aussehen bemüht – nur im Stillen solle man sich für das perfekte Erscheinungsbild abrackern. So wird der «natural Look» zum Schönheitsideal, die Achselhaare zur Beauty-Sünde. Ist das etwa das Frauenbild, das jungen Mädchen und Frauen vermittelt werden soll?
Auch wenn die Zeitschriften längst abgelöst wurden, bleiben die abstrakten Schönheitsideale bestehen. So bestimmen laut Stokowski die neusten Beauty-Trends wie die sogenannte «Thigh-Gap-Challenge» auf Social-Media, wie ein Frauenkörper zu sein hat. Stokowksi führt am Beispiel ihres jüngeren Selbst den Leser*innen bildkräftig vor Augen, wie das subtile Bodyshaming in tiefem Selbstwertgefühl und abstrakte Schönheitsansprüchen enden kann.
Von Sprachlosigkeit zum «Ey, lass das!»
Mit sechzehn Jahren wird die Autorin vom Leiter Ihrer Schach-AG vergewaltigt, ohne sich wehren oder geschweige denn ein Wort sagen zu können. Nicht einmal sie selbst sieht damals das Geschehene als eine Vergewaltigung an. Solche Szenen lösen Wut, Ungläubigkeit und Sprachlosigkeit bei den Leser*innen aus. Nur langsam arbeitet sich Stokowski aus Ihrer anfänglichen Sprachlosigkeit heraus, besucht während ihres Studiums in Philosophie und Sozialwissenschaften erstmals Lesekreise, die das Thema Feminismus behandeln und lernt, ihre eigenen Erlebnisse einzuordnen und deren Gewicht zu verstehen. Als sie nachts in einem Park von einem Mann belästigt wird, gelingt es ihr erstmals «Ey, lass das!» zu rufen. So wird «untenrum frei» zu einer Geschichte der Selbstermächtigung und zeigt Stokowskis Weg aus der Sprachlosigkeit auf eine Art und Weise, die jedem, der noch schläft, die Augen öffnet.
Festzuhalten ist, dass «Untenrum frei», trotz des polemischen und plauderhaften Kolumnentons eine teils aufwühlende oder gar verstörende Lektüre ist, in der die Autorin von von sexueller Gewalt und selbstverletzendem Verhalten berichtet. Die Frage ob die Biografie Stokowskis eine Ausnahme ist oder ob auch heute die Durchschnittsbiografie einer jungen Frau so aussieht, drängt sich mit jeder Seite weiter auf.
Ungerechtigkeiten weglächeln
Die Lektüre bietet keine einfache Antworten, sondern hilft uns vielmehr, die kleinen Ungerechtigkeiten im Alltag und die grossen Ungleichheiten in der Gesellschaft zu erkennen und Zusammenhänge zu verstehen, denen wir uns zuvor nicht bewusst waren. Doch nach einer ausführlichen Analyse der bestehenden Zustände stellt sich früher oder später die Frage, was man eigentlich gegen den schrecklich ungerechten Status quo unternehmen kann. Stokowski entscheidet sich für die «Poesie des ,Fuck you‘», die verhindert ständig ins «eigentlich» zu rutschen und Ungerechtigkeiten schweigend wegzulächeln. Wenn uns Stokowski also etwas auf den Weg geben will, dann ist es für seine Werte einzustehen und Ungerechtigkeiten nicht stillschweigend hinzunehmen.
Margarete Stokowski: „Untenrum frei“. Rowohlt, Ort, Jahr, 256 Seiten, 19.90 CHF

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