In der kleinen Loft, in der die Lesung stattfindet, herrscht eine angenehme, gemütliche Stimmung. Der Raum füllt sich langsam mit unbeschwert quatschenden Besuchern. Auffallend ist die grosse Altersspanne der Interessierten, von Kindern bis Senior*innen, alle warten gespannt auf die Vorlesung. Ihr Small-Talk bildet einen Kontrast zur im Hintergrund zu hörenden exotischen und beruhigenden Musik. Als sich Jodie Ahlborn und Heidrun Löb in die Sessel vor der grossen Fensterfront setzen, verebben die Gespräche. Die weiche und doch bestimmte Stimme von Frau Ahlborn erklingt und zieht die Besucher*innen in ihren Bann.
Passend zum Roman Firekeeper’s Daughter aus der Feder von Angeline Boulley findet die Lesung im Nordamerika Native Museum, kurz NONAM statt. Die indigene Kultur der amerikanischen Ureinwohner ist bei der Lesung sowie im Buch DAS Thema. Die Abschnitte die Jodie Ahlborn vorliest, sind exzellent gewählt, fesselnd. Sie offenbaren einiges über die Kultur und Rituale der Native American Community und laden zum Weiterlesen ein. Trotzdem verraten sie nicht zu viel über den weitern Verlauf des Romans. Zwischen den Abschnitten stellt Heidrun Löb, die Leiterin des NONAM, Fragen an Frau Ahlborn zum Buchinhalt, aber auch zu kulturellen Aspekten. Nicht fehlen darf das Thema der kulturellen Aneignung. Jodie Ahlborn spricht als weisse Frau das Hörbuch zu Firekeeper’s Daughter, einer indigenen Geschichte, gespickt mit indigener Sprache. Ein Skandal? Sie verrät, dass sie bis jetzt von niemandem darauf angesprochen wurde.
Der Roman erzählt die Geschichte der achtzehnjährigen Daunis Fontaine, die in einer zweigeteilten Welt aufwächst: Die Mutter ist weiss; der Vater indigener Abstammung. Als ihr Leben durch den Tod ihres Onkels und den Schlaganfall ihrer Grossmutter aus dem Ruder zu laufen scheint, ist Jamie, das neu zugezogene Eishockeywunder der Stadt, ihr einziger Lichtblick. Nach dem Mord ihrer besten Freundin, deckt sie jedoch Jamies wahre Identität als FBI-Agent auf und wird rekrutiert, um verdeckt gegen den Drogenhandel in ihrer Community zu ermitteln.
Wie Daunis Fontaine stammt die Autorin des Romans, Angeline Boulley, aus Salt St. Marie und wächst als «hellhäutige Ojibwe-Frau» in beiden Communitys auf. Der erste Funken Inspiration für die Handlung hatte die Autorin bereits in der Highschool, als sich ein neuer Schüler später als Undercover-Drogenfahnder herausstellte. Daraufhin ruhte die Buchidee einige Zeit. Angeline Boulley machte Karriere als Bildungsdirektorin des Bureau of Indian Education und gründete eine Familie. Etwa dreissig Jahre später erschien ihr Debütroman Firekeeper’s Daughter und dieser schlug ein wie eine Bombe. Neben mehreren Buchpreisen wurde ihr Roman vom Time Magazine in die Liste der 100 besten Jugendbücher aufgenommen. Zudem ist eine Netflix-Serie zum Buch in Aussicht.
Unter tosendem Applaus verabschieden sich Heidrun Löd und Jodie Ahlborn. Es ist Zeit nach Hause zu gehen.
Chi Miigwech ~ Vielen Dank
Niklas Schmitter und Leandra Weber
Obiger Beitrag ist während Zürich liest 2022 erstmals im Buchjahr erschienen: Wenn zwei Welten aufeinander treffen – Zürich liest 22 (uzh.ch)

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