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Stimme einer Generation, die schweigen musste

Wir wissen ehrlich gesagt nicht, was uns an diesem Abend erwartet, doch genau das erzeugt noch mehr Spannung. Eine Lesung im Landesmuseum klingt zuerst nach etwas für Erwachsene oder Senioren, nach langen Texten und höflichem Applaus. Aber schon nach kurzer Zeit steht fest: Hier ist es anders. Das hier geht unter die Haut. „Nicht so deep“, würden einige behaupten. Doch genau das ist es, denn die Ereignisse geschehen zur Zeit unserer Großeltern, oder besser gesagt, ihrer Generation. 

@Cosmosverlag

Nur wenige Minuten vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt erreichen wir das Landesmuseum, den Ort, an dem die Lesung stattfindet. Ein gemischtes Gefühl schwirrt auf: Zum einen wissen wir nicht, was uns erwartet, und zum anderen verspüren wir eine unerklärliche Vorfreude. Am Empfang werden wir herzlich begrüsst, und es wird ein Auge auf unsere Tickets geworfen, also nur geworfen, nicht gescannt, nicht kontrolliert. Einen Raum weiter, und wir sind da. Eine improvisierte Sitzbestuhlung ist bereitgestellt. Die Hälfte ist bereits voll. Wir schnappen uns gerade noch ein paar Plätze mit guter Sicht nach vorne, nach vorne zu Elisabeth Meister. Zuvor haben wir sie nur auf der Titelseite des Beschriebs zu ihrer Lesung von Zürich liest gesehen: leicht dunkelblond gefärbtes Haar und dazu ein sanftes Lächeln. Sie muss bestimmt nervös sein, über so etwas Persönliches zu sprechen, wir wären es auf jeden Fall. Um den Einstieg in die Lesung zu erleichtern, beginnt ein gut gelaunter Moderator mit einer Begrüssung und einer kurzen Rede. Die Autorin sitzt in ihrem Sessel, mit einem Glas Wasser in der Hand.

Sie fängt leise an, die ersten Fragen zu beantworten, mit einer Stimme, die sofort alles andere im Raum zum Schweigen bringt. Nach dem Einstieg und den ersten Fragen fällt ihr das Sprechen leichter. Sie erzählt von ihrem 16-jährigen Ich, vom Verhältnis zu ihren Eltern, wie es zur ungeplanten Schwangerschaft kommt und warum sie ihre Tochter Michelle zur Adoption geben muss. Sie berichtet, wie sie zu Hause als Sünde angesehen wird. Mitschuld ist auf jeden Fall die fehlende Aufklärung, hat nie ein Gespräch mit ihren Eltern darüber geführt. Noch heute geben viele Frauen nicht zu, dass sie ihr Kind weggegeben haben (oder vielmehr: dass es ihnen weggenommen wurde). Man wird sicherlich nicht mehr so stark verachtet wie damals, trotzdem wird es immer noch eher negativ von der Gesellschaft aufgenommen. Während der ersten Lesung reagieren einige Zuschauer lächelnd, die Geschichte hat humorvolle Momente.

Doch diese Stimmung verwandelt sich in kurzer Zeit in eine traurige und emotionale Atmosphäre. Kopfschüttelnd und mit einem Schluchzen fühlt sich das Publikum von der Geschichte tief getroffen. Bei der Fragerunde stellt sich heraus, dass sich mehrere Frauen mit diesem Erlebnis identifizieren können. Nach der Lesung, die zwischendurch von Diskussionen begleitet ist, dürfen Fragen gestellt werden. Eine Seniorin meldet sich mit Tränen in den Augen und erzählt von der Begegnung, als sie ihre biologische Mutter trifft. Sie berichtet, dass sie beide nur noch schreien. Die Autorin lächelt kurz und sagt: „Das ist sehr grosszügig von Ihnen. Andere Adoptivmütter geben alles, um den Kontakt zur biologischen Mutter zu vermeiden. “Wie man an der Stimmung im Saal spürt, ist diese Erfahrung kein Einzelfall, sondern ein prägendes Trauma, das viele Frauen, Töchter und Söhne des 20. Jahrhunderts verfolgt. „Versteckt geboren“, meint eine Frau aus dem Publikum, sei ein Film, der diese Erlebnisse bildlich darstellt und einen erweiterten Einblick für sehr Interessierte bietet. 

Am Schluss klappt die Autorin ihr Buch zu und sagt: „Danke, dass ihr zugehört habt. Das ist nicht selbstverständlich.“ Ein riesiger Applaus ertönt, einige umarmen sich, und man merkt, wie sich im Raum ein warmes Gefühl von Verbundenheit ausbreitet. 

Draußen vor dem Saal ist es bereits dunkel. Einige von uns stehen noch zusammen und reden über die Lesung. Eine Freundin meint: „Ich hätte nie gedacht, dass ein Buch so echt sein kann. Es ist nicht nur eine Geschichte, sondern die traurige Wahrheit von vielen Frauen.“ 

Von Laura, Sophie und Serena

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