Wir stehen neben dem Fleischkäse auf den Treppen des Opernhauses Zürich. Gabriela Kasperski liest das erste Kapitel aus ihrem Krimi «Zürcher Verrat» vor. Der kalte Wind weht uns um die Ohren und trägt die Worte zu uns herüber. Gabriela versetzt sich in die verschiedenen Charaktere und wählt die einzelnen Nuancen präzise. Gespannt hören alle zu, Neugier kommt auf, und schnell findet man sich mitten in der Handlung wieder.
Der Platz neben dem Opernhaus erwacht zum Leben…
Die Geschichte beginnt mit der Vorpremiere des Stücks Macbeth im Opernhaus. Lou Müller steht an derselben Stelle wie wir. Sie ist die Leiterin des Kinderchors und schon ganz gespannt auf die Premiere. Doch der Schein trügt. Ein Mann sticht ihr aus der Menschenmasse ins Auge. Er ist fast bei ihr. Er würde sie packen und mit sich schleifen. Sie hörte das Knacken der Knochen. Spürte Blut. Sie blinzelte. Der Mann war verschwunden.
Gabriela schliesst das Buch und schaut in unsere erwartungsvollen Gesichter. Doch anstatt weitere Passagen aus dem Buchgeschehen zu hören, werden wir auf eine kleine „Schnitzeljagd“ durch das alte Zürich rund um den Platz des Opernhauses geschickt, um Nachforschungen anzustellen, wie die Autorin es auch getan hat.
Wie hiess das Bellevue früher?
Was war auf dem Sechseläutenplatz zu finden?
In welchem Supermarkt versteckte sich damals ein Lichtspieltheater? etc.
Nach circa zehn Minuten holt uns die Autorin zurück und löst die Geheimnisse auf. Sie erzählt mit lebendiger Begeisterung vom alten Zürich. Man spürt, hier hat jemand gründlich Recherche betrieben.
In diesem Krimi werden viele verschiedene Orte miteinander verknüpft. Denn wir können vorwegnehmen, dass Lou Müller auf der Flucht ist und den Spuren einer längst vergangenen Geschichte folgt. Der Roman verknüpft geschickt den aktuellen Opernhaus-Mord in Zürich mit der Geschichte einer Familie im zweiten Weltkrieg, die in Achen startet. Somit wird also der aktuelle Mord gelöst. Jedoch wird auch ein 80 Jahre altes Verbrechen, das während des zweiten Weltkrieges stattgefunden hat, aufgeklärt und aufgearbeitet.
Kurz darauf laufen wir am Zürichsee entlang bis zur Trittligasse, die auch im Krimi selbst vorkommt. Im Garten der Villa Tobler angekommen, öffnet die Autorin ihr Buch und liest eine weitere Passage daraus vor. Passend zum Ort wählt Gabriela die richtige Stelle aus.
In der Villa Tobler lebte im Krimi die reiche Bankierstochter Gerda mit ihrem Bruder Schang. Ein eisiger Wind pfeift uns ins Gesicht und das Rascheln des Herbstlaubes macht die Atmosphäre mystisch. Was hat die Bankierstochter Gerda mit den beiden Hauptcharakteren Tuli und Mümsel am Hut?
Für alle Anwesenden des Spazierganges fügen sich die vielen Mosaiksteinchen nun langsam zu einem Bild zusammen, das grosse Geheimnis über den Mord bleibt jedoch im Dunkeln verborgen.

Auch wenn man das Buch schon gelesen hat, bleibt es trotzdem spannend, da man viele Hintergrundinformationen erhält, wie die Autorin von verschiedenen Dingen inspiriert wurde. So zum Beispiel entspricht Mümsels Charakter ihrer eigenen Mutter.
Nun machen wir uns weiter auf den Weg durch Zürich. Es dämmert langsam und die Hände werden immer kälter vom Wind, der durch die Strassen weht. Gemächlich schreiten wir neben der Autorin, die plötzlich innehält und auf ein Strassenschild zeigt. Darauf steht: Chorgasse.
Diese bestimmte Gasse hat eine starke Bedeutung in der Geschichte von Mümsel und Tuli. Denn hier befand sich das Coiffeur-Geschäft von Mümsels Mutter, sowie auch ihr Zuhause. Zudem hat Gabrielas Mutter auch in einem Haus in dieser Gasse gelebt.
Allmählich neigt sich der Spaziergang dem Ende zu. Wir biegen auf eine Strasse ein und sehen das Schild der Geschichtenbäckerei. Sie liegt mitten im Herzen der Zürcher Altstadt. Dieser Ort wurde von der Autorin Gabriela Kasperski gegründet. Die Geschichtenbäckerei ist eine Schreib- und Kreativwerkstatt, die für alle ist, die gerne Geschichten schreiben möchten. Wir treten durch die Türe und uns empfängt ein herrlich warmer Duft von Tee und Gebäck. Mit einem gefüllten Becher schauen wir uns genauer in dem gemütlich eingerichteten Raum um und unterhalten uns gespannt mit den anderen Teilnehmer*innen des Krimispazierganges. Langsam wärmt uns der Tee von Innen wieder auf.
Auf einem Tisch liegen diverse Krimis der Autorin. Es sind die anderen Bände rund um die Reihe von Schnyder & Meiers Kriminalfällen. «Zürcher Verrat» ist einer davon, den Gabriele gerade in die Luft streckt. Mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht sagt sie: «Doch wenn ihr wissen wollt, wer hinter dem Mord steckt, müsst ihr das Buch selbst lesen» und klappt den Buchdeckel zu.

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