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Das grauenvollste Schrecken in elf Gesängen

Das Drama «Die Ermittlung» von Peter Weiss, erschienen 1965, ist ein äusserst eindrucksvolles Werk, das sich mit einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte auseinandersetzt: Dem Holocaust. In einer szenischen Darstellung des Frankfurter Auschwitz-Prozess werden die Gräueltaten und die Massenvernichtungen des KZ Auschwitz in dokumentarischer Form an den/die Leser*in getragen. Durch Aussagen von Zeuginnen und Zeugen wird der Schrecken des Holocausts in aller Deutlichkeit beschrieben, ohne dass Weiss davon zurückscheuen würde, die tragische Wahrheit über den Massenmord des zweiten Weltkrieges unbeschönigt und schmerzhaft wiederzugeben.

Vom Gerichtssaal ins Theater

Das in «Die Ermittlung» zu lesende Protokoll ist keineswegs völlig fiktiv, sondern realitätsnah und wahrheitsgetreu. Als am 20. Dezember 1963 in Frankfurt Römer der erste Auschwitz-Prozess, der sich anschliessend über 183 Verhandlungstage erstreckt hat, begann, zeigte sich der Autor Peter Weiss interessiert an den Verhandlungen. Der Schriftsteller wohnte der Verhandlung deswegen an einigen Tagen als stiller Beobachter bei, sodass er sein Drama auf tatsächlichen Aussagen basierend und authentisch schreiben konnte. Die Authentizität wird dadurch also spürbar gewährleistet.

In elf Gesängen werden Überlebende von einem Richter zu ihren Erlebnissen in und Erinnerungen an Auschwitz befragt und dabei den von ihnen beschuldigten Angeklagten gegenübergestellt, die alle Vorwürfe vehement abstreiten und behaupten, nicht an den besagten Tötungsdelikten beteiligt gewesen zu sein. Die achtzehn Angeklagten lassen sich durch ihre Namen und Aussagen klar identifizieren. Die Aussagenden hingegen bleiben anonym: Sie sind namenlos, so wie auch ihre Identität in Auschwitz einer Nummer wich. Zutiefst erschütternd schildern die neun Zeugen und Zeuginnen, die 357 Mit- und Überlebende des Holocaust repräsentieren, von den Abgründen der Menschheit, von Hass und Misshandlung, von Gewalt, Schmerz, verlorener Menschlichkeit und dem bitteren Kampf ums Überleben. Das Theaterstück lässt mich als Leserin traurig und betroffen, vor allem aber auch fassungslos schockiert und ehrlich gesagt verstört von den schrecklichen Tatsachen, die man so oft zu vergessen versucht, zurück.

In die Feueröfen in elf Gesängen

Auf den 240 Seiten wird der Weg der Opfer von der Rampe in Auschwitz bis in den Tod rekonstruiert. Durch die elf Gesänge durchlebt der/die Lesende den Leidenspfad der Häftlinge mit: Von der Aussonderung gleich nach Ankunft an der Rampe, über das Eintätowieren der Häftlingsnummer, über sadistische Verhöre und Folterung bis hin zur Vergasung durch das Gas Zyklon B lässt sich all das Leid förmlich spüren und das Todeslied der Gefangenen hören. Der erste Gesang heisst deswegen auch «Gesang von der Rampe», wohingegen der Letzte mit «Gesang von den Feueröfen», dem Ende aller, die bis dahin Hinrichtungen, Erschiessungen, Seuchen, Unterernährung, Denunzierung oder Injektionen durch Phenol überlebt haben, betitelt ist.

Wir arbeiteten 12 bis 15 Stunden am Tag über den Sterbebüchern

Es fielen bis zu 300 Tote pro Tag an

Zeugin fünf, Schreiberin im KZ Auschwitz (Funktionshäftling)

Mit einem stechenden Schmerz im Herzen und einer immer stärker werdenden Übelkeit, kämpfte ich mich durch das Gerichtsprotokoll, das so schonungslos und nüchtern den Horror des zweiten Weltkriegs offenbart.

Die Nüchternheit wird vor allem durch den von Weiss gewählten Schreibstil unterstrichen: Der Autor verzichtet auf jegliche Ausschmückungen, beschreibt sachlich und löst sich dabei von den Regeln der Satzzeichensetzung, indem er alle Interpunktionszeichen gänzlich weglässt. Um zu vermeiden, dass man den Text und somit auch Auschwitz ästhetisieren könnte, enthält Weiss dem/der Leser*in nichts vor und stellt uns stattdessen vor die schmerzliche Wirklichkeit.

Stopp drücken

Natürlich sind wir uns alle dem Ausmass des Massenterrors in den Konzentrationslagern bewusst, aber dieses Werk bringt mir die Schicksale der Millionen Verfolgten und Ermordeten so nah wie noch nie. Dieses Theaterstück bewegt und berührt mich so sehr, wie es kaum ein anderes Buch bis anhin tat. Immer wieder musste ich das Buch unter Tränen schliessen und eine kurze Pause einlegen, um verarbeiten zu können, was ich gerade Schreckliches in Erfahrung gebracht habe. Einfach kurz Stopp drücken, durchatmen, ablenken und etwas Erfreulicheres konsumieren. Bestürzt stelle ich fest, dass all die Namenlosen, die politisch Verfolgten, die Kinder, Frauen, Kranken und Schwangeren, die Jüdinnen und Juden – dass all diese Menschen ihrem furchtbaren Grauen nicht einfach so entfliehen konnten, wie es mir das Weglegen der Lektüre gerade ermöglicht. Sie waren ihrem Schicksal erbarmungslos ausgeliefert – in Angst und Schrecken lebend, dem sicheren Tode geweiht.

Es ist definitiv kein einfaches Buch, im Gegenteil: Es wühlt auf, lässt uns trauern und stellt uns vor grundlegende Fragen über Menschlichkeit und das in uns schlummernde Böse. Dennoch lohnt sich das Lesen dieser erschreckenden Zeilen, die uns dazu bringen, über die menschliche Natur und die Auswirkungen von Macht und Unterdrückung nachzudenken. Es ist ein Werk, dass man nicht nur wegen seines historischen Wertes, sondern auch wegen seiner künstlerischen Wirkung und seiner Aktualität, wie Rassismus, Diskriminierung oder Extremismus, gelesen haben sollte!

Deliah Walder

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