Der Rote Diamant – Kommentar

Ein Roman von Thomas Hürlimann

Mit dem „Roten Diamant“ ist dem renommierten Schweizer Autoren Thomas Hürlimann ein Meisterwerk gelungen. In seinem für den Schweizer Buchpreis 2022 nominierten Roman beschreibt der Autor packend und dramatisch die mit Fiktion gepaarten autobiographischen Elemente. So kommt es nicht von ungefähr, dass der einstige Zögling in der Stiftsschule Einsiedeln in seinem Roman den Protagonisten Arthur Goldau auf sein Abenteuer in das fiktive Klosterinternat Maria Schnee entsendet. Auch wenn sich „Der Rote Diamant“ leicht und locker liest, ist er keinesfalls unkritisch und oberflächlich. Mit unfassbarer Detailhaftigkeit umschreibt Hürlimann das Gefangensein der Zöglinge innerhalb eines zyklisch monotonen Alltags im Kloster, wo jeder allmählich zur holen Vase geformt wird:

«[…], noch drehte sich der Ewige Tag, noch galt die alte Ordnung, […]. Man ass, was alle assen; man lernte, was hier schon immer gelehrt wurde, […]»1

Durchbrochen wird diese unterschwellige Kritik an der Kirche des 20. Jahrhunderts mit der Jagd nach dem namensgebenden roten Diamanten. Die «Schatzsuche» hat einen spannenden Aufbau und lässt gerade zu Beginn vieles offen. Dies animiert durchaus zum Weiterlesen und erhöht die Erwartungen an das Ende des Buches laufend. Besonders unterhaltend sind dabei die humorvoll gestalteten Textpassagen, mit denen Hürlimann dem Leser immer wieder ein Schmunzeln entlockt. Oder wie die Frankfurter Allgemeinen Zeitung es formuliert:

«Hürlimann gelingt mit dem roten Diamanten ein poetisches Paradox: Eine Gleichniskomödie über die Suche nach Ewigkeit wie die Realität von Sterben und Tod.» Und auch: «Wir haben es mit einem säkulären Erzähljuwel zu tun, in dem noch ein Restfunke göttlichen Lichts glüht, schimmert, leuchtet.»2

Trotz allen Lobes muss auch Kritik angebracht werden, denn die Gestaltung der Charaktere lässt zu wünschen übrig. Der Protagonist und viele Figuren, die für den Handlungsverlauf von Bedeutung sind, weisen nur wenig Tiefe in ihrem Charakter auf. Als Leser fällt es schwer, das Handeln der Figuren nachzuvollziehen und Einsichten ins Innere der Figuren gibt es kaum.

Im Gegensatz zur inneren Welt ist die äussere Welt im Roman sehr gelungen dargestellt. Es werden Stimmungsbilder und Eindrücke vermittelt und die Szenerie des Klosters wird detailreich beschrieben. So taucht man als Leser tatsächlich in die Welt des Klosters Maria Schnee ein. Auch der Schreibstil ist sehr gelungen und macht einen bedeutenden Teil des Charakters des Werkes aus. Der Stil des Buches erinnert stark an die Sprache des 19. Jahrhunderts und widerspiegelt so das beschriebene Umfeld und den Klosteralltag durchaus passend. Fest steht, dass es Zeit beansprucht, sich an den aussergewöhnlichen Schreibstil zu gewöhnen, er wirkt aber keinesfalls störend.

Der Roman zeichnet sich durch die Verbindung eines spannenden Handlungsstrangs mit einer äusserst sorgfältig beschriebenen Umgebung und einem Hauch von Humor aus. Wer es wagt, sich auf eine abenteuerliche und bis zum letzten Moment spannende Schatzsuche zu begeben und gerne in das Leben hintern den kalten, kargen Klostermauern von Maria Schnee eintauchen will, wird sich blendend unterhalten fühlen.

1 Hürlimann, Thomas: Der Rote Diamant. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 3. Auflage, 2022.
2 Frankfurter Allgemeine Zeitung. (2022). Hinter Glaubens- und Gefühlsmauern. Abgerufen am 18.11. 2022 von https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-zu-thomas-huerlimanns-roman-der-rote-diamant-18229582-p3.html

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