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Anne Frank und die Schweiz


Eine Ausstellung im Landesmuseum1

Langsam, aber sicher findet sich die Zuhörerschaft in der Eingangshalle des Landesmuseums Zürich ein. Der Saal ist rappelvoll besetzt von erwartungsvollen Zuhörer*innen. Wir haben in der Mitte der Menschenschar Platz gefunden. Der Andrang und das Interesse am berühmtesten Tagebuch der Welt sind gross. Weitaus weniger bekannt ist vielen Leser*innen die Verbindung zur Schweiz, aus der ein Grossteil der globalen Verbreitung des Buches erfolgte. Während Anne, ihre Schwester Margot und ihre Mutter im Konzentrationslager an Typhus starben, überlebte Otto Frank, Annes Vater, als Einziger den Holocaust. Als er aus dem Konzentrationslager freikam, reiste er, in der Hoffnung seine Familie wiederzusehen, nach Amsterdam. Dort musste er jedoch feststellen, dass seine Familie nicht auf ihn wartete. Einzig das Tagebuch seiner Tochter wartet auf ihn, und er beginnt es zu lesen.

Im Zentrum der Führung steht der amtierende Stiftungsrat des Anne Frank Fonds, Martin Dreyfus. Mit seinem warmen Lächeln gelingt es ihm, eine lockere Stimmung zu kreieren – so locker sie bei einem Diskurs zu solch schwer verdaubarer Materie sein kann. Fragen aus dem Publikum werden direkt in die Runde geworfen, mit Interesse beantwortet und gestalten die Führung massgeblich mit. Auch die Kuratorin Rebecca Sanders wohnt der Führung bei.

Bildquelle: Landesmuseum Zürich (https://www.landesmuseum.ch/annefrank)

Wir treten von einem Raum in den nächsten, jedem wohnt seine ganz eigene Atmosphäre inne. Der erste, in dem schwarz-weisse Porträts der Familie Frank aus der Vorkriegszeit vor der fein verzierten Tapete hängen, kontrastiert stark mit dem nächsten Raum. Stacheldraht, Sturmgewehr und Hakenkreuz. Diese Relikte erinnern an die Zeit des Krieges und lassen uns mit Mitgefühl an die vielen Menschen denken, die den Grauen des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen. Besonders gefällt uns, wie bedacht die einzelnen Bilder und Ausstellungsstücke in die Geschichte Anne Franks eingebettet wurden. Auch im Hinblick auf das Tagebuch wurden unzählige Aspekte wiederaufgenommen, aber auch ganz neue Eindrücke vermittelt. Dabei geht Dreyfus nicht nur auf Anne Franks Geschichte ein, sondern berichtet auch eindrücklich von der Situation in der Schweiz zu Zeiten des Krieges.

Die Aufarbeitung der Geschichte und ein kritisches Hinterfragen ist für die Schweiz äusserst wichtig, um ein kollektives Vergessen zu verhindern. Auch Otto Frank war es zu Lebzeiten ein dringendes Anliegen, Anne Franks Botschaft für Menschlichkeit, Hoffnung und Liebe in die Welt zu tragen. Schon im Jahre 1955 fand die erste Theaterinszenierung am Broadway in New York statt und der gleichnamige Film aus dem Jahre 1959 wurde sogar mit drei Oscars ausgezeichnet. Auch besuchte Otto Frank, wie viele andere Überlebende, Schoah Schulen auf der ganzen Welt, um ihre Geschichten zu erzählen, in der Hoffnung, dass sich diese nie wiederholen werden. Damit schliesst Dreyfus seinen Beitrag und nimmt den Applaus bescheiden entgegen.

Während sich der Raum langsam leert und wir gemächlich die Treppenstufen hinuntergehen, dringt aus dem Foyer im Eingangsbereich sanfte Musik zu uns hoch. Der Eingang füllt sich bereits mit neuen interessierten Besuchern, begleitet von einem lauten Stimmengewirr. Während Dreyfus und Sanders noch angeregt mit einzelnen Besuchern sprechen, treten wir durch die schweren Glastüren in die kühle Nachtluft hinaus. Während die Welt um uns verstummt, schwirren unsere Gedanken weiter um Anne Frank und die Tragik des Holocaust.

Nino Cantieni und Andrin Schmidlin

1 Obiger Eintrag ist während Zürich liest 2022 erstmals im Buchjahr erschienen: https://www.buchjahr.uzh.ch/zuerichliest22/2022/10/28/anne-frank-und-die-schweiz/

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