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Die Wut, die nicht wahrgenommen wird

Es gibt Wut, die laut wird. Und es gibt jene Wut, die sich still in den Alltag frisst, zwischen Windeln, Erwartungen und dem ewigen Funktionieren. Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl erzählt von genau dieser zweiten, gefährlicheren Form: einer Erschöpfung, die nicht einfach nur Müdigkeit ist, sondern ein stiller Protest gegen ein Leben, in dem Fürsorge selbstverständlich sein soll, Überforderung aber unsichtbar bleibt. Es ist eine Wut, die kaum wahrgenommen wird, von niemandem. Vor allem nicht von Männern. Das ist Mutterschaft. Das ist Frau sein.

An einem scheinbar gewöhnlichen Abend stürzt sich Helene beim Essen vom Balkon. Sie ist Mutter von drei Kindern. Alles geschieht völlig unerwartet. Doch sie hinterlässt nicht nur ein Loch in den Herzen ihrer Familie, sondern auch eine Wut, die bleibt. Die Angehörigen sind am Boden zerstört. Wie kann sie ihnen das nur antun, sich einfach so das Leben zu nehmen? Was soll ihre Familie nur ohne ihre Mutter machen? Diese Wut trifft vor allem Helenes Tochter Lola und ihre älteste Freundin Sahra. Im Verlauf des Romans werden gerade sie zu den beiden weiblichen Hauptfiguren, die versuchen, die Lücke, die Helene hinterlassen hat, zu füllen oder zumindest zu begreifen.

Durch Helenes plötzlichen Tod wird deutlich, wie viel sie als Mutter, Freundin, Partnerin und Frau getragen hat. All die unsichtbaren Aufgaben, die alle als selbstverständlich hinnehmen, weil sie im Hintergrund erledigt werden. Die Wäsche stapelt sich, die schmutzigen Teller stehen neben der Spülmaschine, und der Mülleimer quillt fast über. Doch Johannes, Helenes Partner, muss arbeiten und Geld verdienen, um die Familie finanziell über Wasser zu halten. Mehr scheint von ihm jedoch nicht zu kommen. Sahra zieht schliesslich sogar von ihrem Freund in Helenes Wohnung. Sie kann nicht mitansehen, wie Johannes mit den Kindern überfordert ist. Gleichzeitig fühlt sie sich schuldig. Schuldig gegenüber Helene, weil sie ohne Zögern dasselbe für sie getan hätte. Und doch ist da auch ein leiser Schmerz, fast Eifersucht, auf das, was von aussen wie eine Bilderbuchfamilie wirkt.

Doch dieses Bild trügt. Sahra erlebt nun selbst, was es heisst, in eine Mutterrolle gedrängt zu werden. Sie wird zu einer der wenigen Bezugspersonen, die den Kindern noch bleiben. Gleichzeitig will sie Helene nicht einfach ersetzen oder ihre Existenz auslöschen. Genau darin liegt ihr innerer Konflikt. Was soll sie tun? Alles, was sie macht, scheint falsch zu sein. Nichts kann sie perfekt lösen. Das macht sie wütend und traurig zugleich.

Auch Lola erlebt diesen Verlust mit voller Wucht. Eben noch ist ihre Mutter da, im nächsten Moment ist sie verschwunden. Das Loch, das Helene hinterlässt, zieht Lola mit sich hinab. Sie fällt hinein und muss doch irgendwie weiterleben. Erst jetzt sieht sie, was ihre Mutter in all den Jahren geleistet hat, wie sie die Familie getragen und zusammengehalten hat. Wie eine unsichtbare Kraft, die sie zuvor für selbstverständlich gehalten hat. Doch jetzt ist es zu spät. Auch das macht sie wütend und traurig.

Beide Frauen stellen zu Beginn die Familie über alles, nur damit das Bild nach aussen erhalten bleibt. Doch im Laufe des Romans lernen sie, für sich selbst einzustehen und das eigene Wohl nicht länger den Erwartungen anderer unterzuordnen. Denn sie haben auch ihre eigenen Lasten, die sie mit sich herumtragen und meistern müssen. Sarah hat zuhause ihre eigene Krise mit ihrem Freund Leon. Lola rutscht immer tiefer und entwickelt eine Essstörung. Gerade darin liegt die Stärke des Textes: Er zeigt, dass Wut nicht nur Zerstörung bedeutet, sondern auch Erkenntnis sein kann. Sie macht sichtbar, was vorher übersehen wurde.

Denn Wut und Trauer gehören beim Tod oft zusammen. Die Wut darüber, dass jemand gegangen ist. Die Trauer über das, was fehlt. Und die Hilflosigkeit darüber, dass sich nichts mehr rückgängig machen lässt. In Die Wut, die bleibt wird genau dieses Nebeneinander spürbar. Der Roman zeigt, dass Trauer nicht still und geordnet sein muss, sondern auch laut, widersprüchlich und voller Zorn sein kann.

Am Ende bleibt nicht nur der Schmerz über Helenes Tod, sondern auch die Erkenntnis, dass ihre Wut ein Echo hinterlässt. Eine Wut, die nicht verschwindet, sondern bleibt. Und vielleicht ist genau das die stärkste Botschaft des Romans, dass hinter jeder stillen Überforderung eine Wahrheit steht, die endlich gehört werden will.

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