Dürrenmatt – 1980
Tragische Komödie
«Der Besuch der alten Dame», was zuerst nach einer armseligen Grossmutter und ein gemeinsames Tee trinken tönt, erwies sich als eine Milliardärin, die ihrem verarmten Dorf auffordert für eine Milliarde ihren Ex-Freund Alfred Il, der ihr ein altes Unrecht angetan hat, zu ermorden. Das hättest du nicht erwartet! Auch das scheinbar unverständliche, wie eine Kritzelei wirkende Cover des Buches von Friedrich Dürrenmatt deutet auf die versteckte Wahrheit der Milliardärin an, denn sie steht wie eine enorme und mächtige Statue über die zerfallene Stadt Güllen und präsentiert so ihren Einfluss.
Die Milliardärin Claire Zachanassian trifft mit einem Zug in Güllen ein. Den Güller ist bewusst, dass es beim ersten Eindruck um Millionen geht, denn sie führen in Güllen ein dahinvegetierendes und krepierendes Leben. Auf einer tragischen gemischt mit spassigem Ton, erklärt sie bei einer Versammlung den Bewohner von Güllen, wer Alfred Il ermordet, erhält von ihr eine Milliarde. Dürrenmatt macht das, was zu seiner Zeit niemand gewagt hat. Er nutzt eine Humorvolle, tragisch-absurde Geschichte, um die Moral von Menschen im Umgang mit Geld zu hinterfragen und versucht, dass die Botschaft wirklich ankommt. Als eine Person, die die Moral eines Buches meist versteht, aber im Nachhinein schnell wieder vergisst, hat mich dieses Buch dieses Mal tatsächlich gepackt und zum Nachdenken gebracht. Hätte ich Alfred für eine Milliarde ermordet? Wo hört der Mensch auf moralisch zu handeln?
Das Schöne an diesem Buch ist, dass Dürrenmatt die Wahrheit über den Aufbau und Funktion unserer Gesellschaft spricht. Claire Zachanassian besitzt die Macht die Menschen mit Geld zu kontrollieren. Sie stellt ausserdem sicher, dass sie die schmutzige Arbeit nicht selbst erledigen muss und kann die wichtigsten und mächtigsten Personen der Gesellschaft von ihrer Position überzeugen. Gleichzeitig kann sie die Bewohner überreden, dass das, was sie machen, korrekt ist und Gerechtigkeit mit sich bringt. Das erinnert doch an die Milliardärenunserer Zeit?
Feuilleton von Serena 19.03.2026
